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Corona-Krise in Hessen: Die hygienischen Zustände an den Schulen lassen Lockerungen eigentlich nicht zu.

Corona in Hessen

Hygiene an Schulen in Hessen ist „miserabel“: Ehemaliger Amtsdirektor findet klare Worte

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Schulen in Hessen werden nach den Corona-Lockerungen wieder geöffnet. Die hygienischen Zustände lassen das eigentlich nicht zu, sagt ein ehemaliger Amtsleiter.

  • Corona-Lockerungen in Hessen: Schulen öffnen ab 18. Mai für mehr Schüler
  • Ein ehemaliger Schulamtsdirektor übt Kritik daran: Aus seiner Sicht haben Schulen in Hessen ein großes Hygiene-Problem.
  • Unter anderem seien Toiletten marode, nicht jedes Klassenzimmer habe ein Waschbecken.

Rüsselsheim – Vom 18. Mai an sollen Schüler wieder hessenweit in die Schule, auch wenn ein Regelbetrieb in diesem Jahr wegen Corona nicht mehr möglich sein wird. Für den Rüsselsheimer Felix Weilbächer, einst Lehrer, Schulleiter und Schulamtsdirektor mit dem Aufgabengebiet „Schule und Gesundheit“, sind diese Schritte verfrüht. Alexander Seipp sprach mit ihm über das Problem der Hygiene an Schulen.

Herr Weilbächer, Sie haben jahrelange Erfahrung mit dem Bereich Hygiene an Schulen. Was halten sie von der derzeitigen Öffnungsdebatte?

Diese Debatte hätte vor vier Wochen stattfinden können. Wir brauchen jetzt Entscheidungen, keine Vorschläge mehr, die frei von jeder Sachkenntnis sind und nur Aufwand aber keine Wirkung erbringen.

Corona in Hessen: Hygiene-Situation an den Schulen ist miserabel

Was meinen Sie damit?

Die hygienische Situation an den Schulen ist miserabel. Das hat erst einmal gar nichts mit Corona zu tun. Wir haben vielerorts marode Toiletten und nicht einmal in jedem Klassenraum ein Waschbecken, Seife und Handtuch. Fenster sind undicht, Heizungen nicht regelbar, es regnet dauerhaft durch. Böden, Decken und Elektroinstallationen sind schadhaft. Ich habe viele Schulen in Hessen besucht und kenne diese Mängel aus eigener Anschauung. Jetzt wird ja versprochen, diese ganzen Mängel zu beseitigen, damit die Schulen schnell wieder öffnen können.

Ist das realistisch?

Jahre, ja jahrzehntelang, wurde die Gebäudesubstanz nicht sachgemäß erhalten und nicht gut gepflegt. An allem wurde gespart. Das rächt sich jetzt. Selbst wenn Gelder sofort bereitstehen, wird es wochen- und monatelang dauern, nur das Notwendigste in Ordnung zu bringen. Dann wäre da noch die Reinigung, diese ist an unseren Schulen auf ein Minimum zurückgefahren. Geputzt wird teilweise spät abends, gewischt nur zwei bis dreimal in der Woche. Starke Verschmutzungen tagsüber werden oft nicht beseitigt, verschmutzte Toilettenkabinen höchstens einfach vom Schulhausverwalter verschlossen.

Woher kommen diese Zustände?

Dafür gibt es viele Gründe. Die Reinigung leisten Fremdfirmen, die teilweise nach europaweiten Ausschreibungen beauftragt werden. Phantastische Quadratmetervorgaben lassen es nicht zu, dass ordentlich gereinigt wird. Wer hier zukünftig erforderliche Desinfektionen vornehmen soll, wissen nur unsere Politiker. Es fehlt an einer wirklichen Priorisierung der Schulen. Bürokratie und selbst die Baugesetzgebung stehen im Wege. Vorhandene Hindernisse müssen aus dem Weg geschafft werden.

Schulen in Hessen: Corona-Risiken minimieren

Ist es für Sie nicht wichtig, dass die Schüler zurück in die Schule sollen? Der Onlineunterricht ist ja kein Ersatz.

Ganz sicher müssen die Schüler wieder gemeinsam lernen, das heißt, die Schulen müssen geöffnet werden. Aber nicht unter Bedingungen, wie sie sich selbst ernannte Spezialisten zusammenphantasieren. Eine ungezügelte Regelwut ersetzt hier oft den gesunden Menschenverstand. Öffnen heißt für mich, das Risiko in Kauf nehmen. Maßnahmen zur Minimierung dieses Risikos müssen nachvollziehbar, praktikabel und vor Ort durchsetzbar sein. Sollten Infektionsherde an bestimmten Schulen auftreten, müssen diese wieder geschlossen werden.

Könnte Onlineunterricht da keine Abhilfe schaffen?

Digitaler Unterricht kann nur ein unvollkommener Ersatz sein. Nicht alle Lehrer, nicht die Infrastruktur an den meisten Schulen und nicht alle Eltern können ihn bewältigen. Sicherlich gibt es Schulen, an denen er gut funktionieren kann, die etwa entsprechende Schwerpunkte haben oder bei denen es engagierte Lehrer gibt.

Doch ein Großteil der Lehrer ist schon im fortgeschrittenen Alter. Wer es geschafft hat in 30 Jahren den Zugang zum Computer oder zu anderen digitalen Medien zu verweigern, wird es jetzt auch nicht mehr angehen (können). Viele Lehrer sind selbst in der Risikogruppe und werden ausfallen. Das heißt mehr Arbeit, weniger Lehrer. Das geht zulasten der verbleibenden Lehrer, und wir haben jetzt schon schwierigste Arbeitsbedingungen und einen daraus resultierenden hohen Krankenstand und zahlreiche Frühpensionierungen.

Corona-Krise in Hessens Schulen: „Weg mit dem Stress für Lehrer und Schüler“

Was meinen Sie mit „hygienischem Unterricht“?

Jedenfalls nicht ein überreguliertes verkrampftes Miteinander. Die Schüler müssen selbst Kompetenzen im Umgang mit allgemeiner Hygiene und Corona im Besonderen erwerben. Hierfür muss jetzt die Zeit genutzt werden. Der Lehrer kann nicht wie ein Polizist die Einhaltung von zahllosen und unklaren oder gar widersinnigen Regeln überwachen. Gleiches gilt für Eltern, auch die müssen wissen, was nötig ist und ihre Kinder entsprechend einstellen.

Das heißt, kein normaler Unterricht?

Zumindest bis zu den Sommerferien sind eindeutig hier die Schwerpunkte zu setzen. Tageweiser Unterricht, weg mit dem Stress für Lehrer und Schüler, jetzt noch irgendwelche Schuljahresziele erreichen zu wollen. Konzentration auf Nachhaltigkeit der Maßnahmen, die Schüler und Schulen mit den nötigen Geräten zum digitalen Lernen versorgen und digitalen Unterricht vorbereiten und einrichten.

Was würden Sie sich da erhoffen?

Gefragt wäre die Ehrlichkeit der Politiker: „Wir öffnen die Schulen, können die Hygiene aber nicht garantieren, müssen auch mit Rückschlägen rechnen.“ Initiative ist gefragt: „Wir beginnen jetzt hier und heute die Voraussetzungen für künftiges Lernen zu schaffen.“

Corona in Hessen: Schulen müssen Schuljahr wohl abschreiben

Was bedeutet das denn für den Schulunterricht?

Ich glaube, man muss da realistisch sein. Dieses Halbjahr muss einfach abgeschrieben werden. Dann geht es eben erst nach den Sommerferien halbwegs geregelt weiter. Alle Schüler werden versetzt, wer möchte, kann das Schuljahr wiederholen. Schule stellt sich auf unklare Verhältnisse im neuen Schuljahr hinsichtlich des Lernstandes der Schüler (besonders beim Übergang auf weiterführende Schulen) ein und reagiert dann angemessen.

Kann von der Krise ein Impuls für mehr Hygiene an Schulen ausgehen?

Ich würde mir das wünschen Hygiene und Gesundheitserziehung allgemein, auch Sexualerziehung, sind zurzeit Stiefkinder an unseren Schulen. Die Hauptfächer dominieren alles, Lebenspraxis spielt keine Rolle, muss sie aber wieder. Sonst kommen wir keinen Schritt weiter.

Diese Neuigkeit wirft viele Fragen auf. Die Aufgaben für die Deutsch-Abiturprüfungen an Fachoberschulen in Hessen sind offenbar vorab im Internet veröffentlicht worden.

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