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Von Damaskus nach Flörsheim

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Von: Sascha Kröner

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Das Haus Herrnberg: 

 In diesem Wohnkomplex sind fast 80 Flüchtlinge aus verschiedenen Ländern untergebracht.
Das Haus Herrnberg: In diesem Wohnkomplex sind fast 80 Flüchtlinge aus verschiedenen Ländern untergebracht. © Hans Nietner

Das Haus Herrnberg ist die größte Flüchtlingsunterkunft in Flörsheim. Unter den derzeit 76 Bewohnern sind 41 Syrer. Einer davon berichtet von seiner gefährlichen Reise und der Unterbringung in der Mainstadt.

Wenn die Prozession zum „Verlobten Tag“ am heutigen Montag das erste Mal stoppt, wird der 48 Jahre alte Haissam kurz zu den versammelten Flörsheimern sprechen. Der Syrer stellt sich im Rahmen des ersten Altars vor, der von Helfern des Asylkreises gestaltet wurde. Bis vor wenigen Wochen wusste Haissam überhaupt nichts von dem besonderen Flörsheimer Feiertag.

Am 29. März brach der Familienvater im vom Bürgerkrieg zerrütteten Syrien auf, um Asyl zu suchen. Am 7. Juni zog er in ein Zimmer des Haus Herrnberg in Flörsheim ein. Dazwischen lag eine beschwerliche Reise.

Haissam lächelt, wenn er auf die gelungene Flucht zurückblickt. Wirklichen Frieden wird er aber erst finden, wenn er wieder mit seiner Frau und seinen vier Kindern vereint ist. Er sei alleine aufgebrochen, weil es billiger und weniger gefährlich sei, nach der Anerkennung in Deutschland eine Familienzusammenführung zu beantragen, erklärt Haissam.

Die Strapazen der Flucht wollte er seiner Familie nicht zumuten. Jetzt sei ihm vor allem wichtig, dass die Angehörigen schnell folgen können, betont der Asylbewerber mit ernster Miene. Das Leben der Familie sei in seiner Heimat bedroht. Haissam erzählt, dass er als Offizier beim syrischen Militär gedient habe. Als die Widerstandskämpfer an Macht gewannen, habe er Angebote der Revolutionäre abgelehnt. „Ich will kein Blut an meinen Händen haben“, so der Flüchtling. Dadurch sei er selbst zur Zielscheibe geworden.

Von Damaskus nach Haissam brach er am 29. März von Damaskus in Richtung Beirut auf. An diesem Tag habe er Bargeld in Höhe von 3500 US-Dollar in der Tasche gehabt. Bei seiner Ankunft in Flörsheim seien davon noch etwa 58 Euro übrig gewesen. Sein Weg habe ihn zunächst über die Türkei geführt, von wo aus er mit einem großen Schlauchboot nach Griechenland geschleust wurde.

Gefährliche Überfahrt

Die Überfahrt sei sehr gefährlich gewesen, berichtet der Syrer. Wegen der hohen Wellen sei Wasser in das Boot eingedrungen, das die Flüchtlinge von Bord schöpfen mussten. Von Griechenland aus sei er nach mehreren Versuchen über die mazedonische Grenze gelangt. Dort habe er einen Lastwagen mit zwei Anhängern bestiegen, auf denen insgesamt 170 Personen zusammengepfercht waren.

Auf der Fahrt in Richtung Serbien geriet der Transporter in eine Polizeikontrolle. Erst nachdem sich der Lkw-Fahrer freikaufte, sei auch er wieder aus dem Gefängnis entlassen worden, sagt Haissam. Die letzte Etappe der langen Reise führte ihn von Ungarn nach München. Während des gesamten gefährlichen Trips habe er mit einem Handy Kontakt zu seiner Familie gehalten, erzählt der 48-Jährige.

In Deutschland angekommen, endeten die Sorgen des Flüchtlings noch nicht: Von München sei er in Unterkünfte in Dortmund, Köln und Gießen verlegt worden. Dabei sei es schwierig gewesen, immer wieder mit anderen Leuten zusammenzuleben. Nicht jeder verhalte sich ruhig und nett. Er selbst habe Streitigkeiten in Deutschland mitbekommen, bei denen ein Syrer getötet und ein weiterer schwer verletzt wurde.

Für Flüchtlinge aus Syrien gilt mittlerweile ein Eilverfahren. Haissam hofft, dass sein Asylantrag in den kommenden zwei Monaten akzeptiert wird. Bald möchte er seine Familie wieder in den Armen halten.

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