+
Sänger Jud Perry verfügt über eine verblüffend durchdringende, hell gefärbte Stimme.

Musik

Darbietung von Telemanns „Der Tag des Gerichts“ überzeugt in Rüsselsheim

Mit Georg Philipp Telemanns „Der Tag des Gerichts“ hat sich die Dekanatskantorei Rüsselsheim auf eine musikalische Entdeckungsreise begeben – gemeinsam mit dem Evangelischen Kirchenchor Hochheim, dem Orchester „Cappella Francoforte“ und vier Gesangssolisten. Die Leitung lag bei Jens Lindemann.

Klassische Musik hat es in Rüsselsheim schwer. Und erst recht die Kirchenmusik: Beim Konzert in der Rüsselsheimer Stadtkirche am vergangenen Samstagabend übertrifft die Menge der Mitwirkenden deutlich die kleine Zahl der Zuhörer. Das ist bitter enttäuschend und besonders ernüchternd für die Rüsselsheimer und Hochheimer Chormitglieder, die sich seit Wochen gemeinsam mit der Entdecker-Natur Jens Lindemann mit großem Engagement und offenkundiger Musizierfreude um eine kostbare kompositorische Rarität bemüht hatten.

Aufgeführt wurde Georg Philipp Telemanns Oratorium „Der Tag des Gerichts“. Telemann, der von 1712 bis 1721 als Kapellmeister und Musikdirektor in Frankfurt am Main wirkte, war zu seiner Zeit wesentlich bekannter und angesehener als seine Zeitgenossen Bach und Händel, mit denen er befreundet war. Heutzutage wirft man dem „Vielschreiber“ Telemann gerne Unverbindlichkeit und musikalische Massenkonfektion vor.

Bestimmt gilt dies nicht für das 1762 entstandene Spätwerk „Der Tag des Gerichts“, das Telemann im Alter von 82 Jahren in seiner letzten Hamburger Schaffensperiode komponierte. Telemanns Librettist Christian Wilhelm Alers gliedert das oratorische Geschehen in vier „Betrachtungen“ und mutet dabei allegorischen Gestalten (etwa Unglauben, Spötter, Vernunft, Laster) schwer zugängliche, teilweise kryptisch anmutende Texte zu.

Nach Gericht und Verdammung bieten Engelschöre mit Lobpreisungen und Heilszusagen einen jubilierenden Abschluss.

Telemann scheut sich in seiner Vertonung nicht vor klangprächtigen Wirkungen, denen Jens Lindemann am Dirigentenpult mit viel Gespür nachgeht: Den Trompeten-Fanfaren der Ouvertüre folgt ein festlicher, strahlender Eingangschor, wobei das durchgehende Fortissimo einen beredten Kontrast zu den zuvor gehörten warmen, dunklen Farben bildet, mit denen die fünfzehn Musikerinnen und Musiker der „Cappella Francoforte“, auf historischen Instrumenten musizierend, facettenreich gestalten, mit genau gesetzten Affekten und farbig im Klang.

Lindemann findet den Mittelweg zwischen barocker Transparenz und romantisch gefärbter Klangpracht. Das gilt besonders für die zahlreichen Rezitative und Arien, die bei fast belcantistischem Charakter und manchen harmonischen Gewagtheiten für ein buntes, erlebnisreiches Klangbild sorgen. Immer wieder wechseln lyrische und dramatische Momente, ständig fließen opernhaftes Pathos, quirlige Lebendigkeit, sakrale Strenge und ein luftiger Orchesterklang ineinander und verleihen dem Werk einen Hauch weltlichen Charmes.

Der Sopranistin Marion E. Bücher-Herbst gelingen in ihrem Arioso „Der Glaube“ trotz mangelnder Textverständlichkeit anrührende Töne. Die Alt-Partie wird von dem Countertenor Jud Perry übernommen, dessen verblüffend durchdringende, hell gefärbte Stimme durchgängig im attackierenden Fortebereich verharrt.

In der „Vernunft“-Arie verliert Telemanns Musik selbst bei Donner und wankenden Gebirgen nichts von ihrer Gefälligkeit. Und auch in der Bass-Partei spart Telemann nicht mit Effekten. Er lässt es im Accompagnato-Rezitativ „Die Andacht“ bei peitschenden Stürmen, ächzender Erde und wilden Ozeanen mächtig krachen.

In der nachfolgenden Arie verschenkt Telemann indes gänzlich die Wirkung und verharmlost alles in einem banalen Tanzcharakter im Dreiertakt. Christoph Kögel (Bass) lässt sich jedoch von derlei kompositorischen Schwächen nicht beirren und formt seinen Part mit Koloraturen-Wendigkeit und noblem Timbre aus.

Ebenso ausdrucksvoll kommt Daniel Sans daher, dessen wunderschön gesungene, von kammermusikalischer Intimität getragenen Tenor-Arie „Ein Seliger“ zu den herausragenden Momenten der Aufführung gehört, die gegen Ende, in der vierten „Betrachtung“, als der bestens aufgelegte Chor als Protagonist ins Geschehen eingreift, an Stringenz gewinnt und eindringlich die Begegnung mit einem Werk ins Bewusstsein hebt, das – wie jetzt zu erleben war – zu Unrecht in Vergessenheit geraten ist.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare