Klaus Gimbel besitzt selbst ein kleines Stück Wald in Bauschheim und hofft ,zusammen mit den anderen Waldbesitzern eine Zukunftsperspektive für die grüne Lunge entwickeln zu können. Foto: Maraike Stich
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Klaus Gimbel besitzt selbst ein kleines Stück Wald in Bauschheim und hofft ,zusammen mit den anderen Waldbesitzern eine Zukunftsperspektive für die grüne Lunge entwickeln zu können.

Natur

Der Boden ist ausgelaugt

  • vonMareike Stich
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Die Wälder müssen sich verändern, um zu überleben

Rüsselsheim -Eine echte Expertenrunde stand bereit, um dieser Zeitung über den Zustand der Wälder in der Region zu berichten. Anlass ist der Tag des Baumes am morgigen 25. April, der 1872 vom amerikanischen Politiker Julius Sterling Morton ins Leben gerufen wurde. Seit 1952 wird der Tag des Baumes auch in Deutschland begangen.

Reinhard Ebert, Vorsitzender der Forstbetriebsgemeinschaft (FBG) Rhein-Main, Oliver Burghardt, zuständiger Förster der FBG, Günther Waldecker, Vorsitzender der Natur- und Vogelschützer Bauschheim, sowie Klaus Gimbel, Privatwaldbesitzer und Gartenbauer, beteiligten sich an der Diskussion. Die FBG ist zuständig für die kommunalen Wälder in Raunheim, Rüsselsheim, Groß Gerau, Büttelborn, Riedstadt, Bischofsheim und Flörsheim. Auch einige private Waldbesitzer haben sich der FBG angeschlossen.

Nach den Fichten sterben die Kiefern

Was die Experten berichten, ist alarmierend. Ein großes Problem sei der Rückgang der Niederschläge, erklärt Ebert. Seit dem Jahr 2000 beobachte man die Entwicklung sehr intensiv. In dieser Zeit sei nur dreimal die notwendige Regenmenge von 600 Litern pro Quadratmeter und Jahr erreicht worden. Auch die optimale Verteilung zu gleichen Teilen auf Winter und Sommer sei nicht mehr gegeben. 404 Liter waren es 2018, 475 im Jahr 2019 und nur 370 im Jahr 2020. "Diese andauernden Defizite machen uns heute gewaltige Probleme", sagt Ebert.

Der Boden sei ausgelaugt bis auf den letzten Tropfen. Während sich die Fichten schon längst verabschiedet hätten, habe es in der jüngsten Vergangenheit die Kiefern erwischt. So seien in Bauschheim in den vergangenen drei Jahren 90 Prozent der Altbestände an Kiefern abgestorben. Aber auch die robusteren Laubbäume wie Buchen und Eichen litten, so der Experte.

Seit 2019 beobachte er an den Buchen Hitze- und Trockenheitsschäden, bestätigt Förster Burghardt. So seien in Raunheim 50 bis 70 Prozent der Buchenbestände auch schon massiv geschädigt, "die Baumpalette wird immer kleiner". Die Prognose des Försters ist, dass auch die bislang noch relativ gesunden Eichen nach einem weiteren trockenen Jahr große Schäden aufweisen werden. Das habe weitreichende Folgen. Durch das fehlende Blätterdach heize sich der Waldboden immer weiter auf, wodurch noch mehr Wasser verdunste. Schon seit vielen Jahren versuche man, der Entwicklung durch die Pflanzung klimaresistenter Arten zu begegnen.

"Wir haben Hopfenbuchen, Baumhaseln, Esskastanien, Steineichen und Ungarische Eichen gesetzt", zählt Burghardt auf. Doch nur Hitze und Trockenheit zu tolerieren, reiche nicht aus, um in den hiesigen Wäldern heimisch zu werden. Das Problem, wenn man auf südlichere Arten setze, sei die Frostbeständigkeit. Denn auch wenn die Sommer immer heißer werden, die Winter bleiben trotzdem kalt.

Totholz bewusst liegen lassen

Für die Bauschheimer Natur- und Vogelschützer sei das eine bittere Pille. "Wir haben eigentlich einen Vereinsbeschluss, dass wir keine Fremdhölzer mehr anpflanzen wollen", verrät Waldecker. Davon werde man sich wohl verabschieden müssen. Er berichtet, dass sich bei ihm viele Bürger über die Unordnung im Wald beschwerten. Sie störten sich daran, dass man abgestorbene Bäume einfach liegen lasse. Warum das absolut sinnvoll ist, erklärt Burghardt. Die auf dem Boden liegenden toten Bäume helfen, Feuchtigkeit zu speichern, bieten Lebensraum für viele Tiere und verwandeln sich im Laufe der Zeit in wertvollen Humus. Die Befürchtung, dass das Totholz den gefürchteten Borkenkäfer anziehe, sei unberechtigt, "Borkenkäfer gehen nur an noch lebende, schon geschwächte Bäume".

In Bauschheim befinden sich 50 Prozent des Waldes in Privatbesitz. Von den rund 100 privaten Waldbesitzern seien 25 in der FBG, sagt Klaus Gimbel. Sein Wunsch ist, dass sich diese Zahl erhöht. Ein Grund: Förderanträge für Aufforstungen könne man nur über die FBG stellen. Mit den dortigen Fachleuten könne man auch bessere Zukunftsstrategien entwickeln. "Bis vor drei, vier Jahren hat der Wald funktioniert, ohne dass man etwas tun musste", so Gimbel.

Er sei von Kind an mit seinem Vater im eigenen Wald unterwegs gewesen. "Da war immer alles gleich. So etwas wie in den vergangenen drei Jahren habe ich noch nie erlebt." Das schnelle Absterben der Kiefern in Bauschheim sei erschreckend gewesen. Nun gelte es zu handeln, um den Wald in Funktion zu halten, auch wenn die Ergebnisse erst in 25 bis 30 Jahren sichtbar würden "Wir müssen das für unsere Enkel tun", lautet Gimbels eindringlicher Appell. Maraike Stich

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