Ungeahnte Kräfte entwickelt der Manta auf dem Rugbyring. Der Elektro-Motor schiebt das Original von früher mit Echo-Redaktionsleiter Olaf Kern am Steuer ordentlich an. FOTO: Opel
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Ungeahnte Kräfte entwickelt der Manta auf dem Rugbyring. Der Elektro-Motor schiebt das Original von früher mit Echo-Redaktionsleiter Olaf Kern am Steuer ordentlich an.

Automobile

Der Manta GSe erstmals auf den Straßen von Rüsselsheim

  • Olaf Kern
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Dass im Rüsselsheimer Opel-Werk eine Gruppe aus Designern, Ingenieuren und Mechanikern einen alten Manta aus dem Jahr 1973 zu neuem Leben erweckt haben, hat sich mittlerweile international herumgesprochen.Anlassen? Bisher nicht erlaubt. Für das Echo hat Opel eine Ausnahme gemacht. Wir haben mit dem zum Elektro-Flitzer umgebauten Original-Auto ein paar Runden durch die Stadt gedreht.

Auch um zu testen, wie das Experiment bei den Rüsselsheimern ankommt. Hier das Ergebnis.

Langsam surrt der Wagen aus Tor 60 auf die Mainzer Straße hinaus. Es geht in Richtung Innenstadt. Erstes Ziel sind die Opelvillen bei der ersten Ausfahrt des Echo mit dem wohl verrücktesten Auto, das einmal ein Manta A aus dem Jahr 1973 war und jetzt, rund 50 Jahre später, wieder so viel Aufsehen erregt. Lange Zeit fristete der Wagen gut behütet mit gerade mal 50 000 Kilometern auf der Anzeige in den Katakomben der Opel-Classic-Werkstatt sein Dasein.

Im vergangenen Jahr hat ein Team aus beinahe allen Unternehmensbereichen des Rüsselsheimer Werks die Ikone im wahrsten Sinne entstaubt und ihr Stück für Stück neues Leben eingehaucht.

Die Reanimation gelang über einen neuen "Herzschrittmacher". In diesem Fall war es ein Elektromotor, der gegen den Vier-Zylinder-Benziner eingetauscht wurde. Operation am offenen Herzen also. Alles sollte neu gedacht werden. Das fing im Kopf der Auto-Enthusiasten an und hörte erst auf, als das Experiment für gelungen erklärt wurde: nämlich einen fahrbaren Untersatz zu schaffen, der die Symbiose aus Vergangenheit und Zukunft bedeuten sollte. Heraus kam der GSe ElektroMOD.

"Wir wurden umgehauen"

"Wir wurden umgehauen von der Welle in den sozialen Netzwerken", sagt Jens Cooper, gelernter Werkzeugmechaniker und langjähriger Hüter der Oldtimer in der Opel-Classic-Werkstatt, der neben mir im Auto Platz genommen hat. Tausende an Kommentaren hagelte es, kurz nachdem die ersten Bilder vom neuen alten Manta veröffentlicht worden waren. Weitaus die meisten davon waren positiv. "Der Trend ,RestoMod', Klassiker mit modernen Antrieben zu versehen, hat uns gereizt", erklärt Cooper.

Dass die neongelb lackierte Version mit schwarzer Motorhaube auch in Rüsselsheim seinen Reiz ausübt, wird schnell klar. Menschen recken die Köpfe, als es über die Frankfurter Straße geht und vor dem Rathaus ein kurzer Halt nötig ist, weil die Ampel rot zeigt. Jens Cooper berichtet von jungen Frauen, die wenige Tage zuvor bei einem Stopp auf dem Friedensplatz plötzlich Selfies vor dem Manta schossen und ihn auf ihre Weise "feierten".

Die junge Generation interessiert sich plötzlich. Und das ganz ohne Werbung. Ein Traum für jede Marketing-Abteilung. Der Manta GSe spricht offenbar nicht nur die herkömmliche Tuning-Szene und Oldtimer-Bastler an, sondern auch die digitale Generation und die umweltbewussten E-Auto-Verfechter, die Vintage-Cars cool finden, aber modern modifiziert. Eine Bewegung, die einst in Kalifornien ihren Ausgang nahm.

Vor dem Einbiegen in die Ludwig-Dörfler-Allee hören wir noch ein "Mega!" eines Bauarbeiters durch das offene Seitenfenster. Und so geht es weiter. Am Eingang zu den Opelvillen treffen wir auf einen Spaziergänger mit seinem Hund. "Herzlichen Glückwunsch, tolles Auto, sehr gelungen", kommentiert er im Vorbeigehen.

Kraftübertragung über Schaltgetriebe

Erst recht macht es einfach nur Spaß beim Fahren und Lust auf mehr mit jedem Kilometer über den Rugbyring. Gewöhnungsbedürftig ist das Anfahren nur am Anfang. Die enorme Kraft des E-Motors (108 kW/147 PS) wird nämlich über das normale Schaltgetriebe übertragen. Heißt: Kupplung treten, Gang über den alten Knauf von damals einlegen, Kupplung wieder ganz loslassen und erst dann Gas geben. Drehzahl im Leerlauf gibt es nicht. Dafür jede Menge schon im ersten und zweiten Gang. Möglich ist das Anfahren auch im dritten Gang. Im höchsten Gang schnurrt das Auto in voller Geltung. Abgeriegelt wäre maximal Tempo 200 möglich. Die enorme Beschleunigung lässt sowieso viele im Verkehr einfach mal locker stehen.

Dazu kommt allerdings eine Bereifung von 195/40 R17 vorn und 205/40 R17 hinten (üblich waren beim Original in den 1970ern 13-Zoll-Reifen). Das macht das Auto beinahe bretthart auf der Straße. Jede Unebenheit spürt man im Po, der allerdings auf neuen Alcantara-bezogenen Sportsitzen Platz nehmen darf.

Alcantara ist auch über das Original-Sport-Lenkrad (ohne Servo!) gestülpt, über das man auf das ultramoderne digitale Tacho-Element aus dem Mokka blickt, das hier verwendet wurde. Das "Pure Panel" mit flackerndem Bildschirm ist aber auch schon alles an sichtbar elektronischer Neuzeit in dem Klassiker.

Belassen hat man es etwa bei den alten Lüftungsschlitzen. An einem so heißen Tag wie heute mit Temperaturen an die 30 Grad schon kurz vor Mittag empfiehlt sich jedoch das altbewährte Scheibenrunterkurbeln und Arm raus. Reminiszenz an einst ist auch der alte Zündschlüssel, über den man wie früher startet, sowie der Zigarettenanzünder, den man tatsächlich noch findet.

Das erinnert an die alten Zeiten genauso wie die Geräuschkulisse, die beim Fahren durch das dünne Blech entsteht. Aber so soll es ja möglichst auch sein: das Feeling von damals.

Das Auto ist trotz E-Motor überraschenderweise nur insgesamt 120 Kilo schwerer, somit gemessen an den heutigen Boliden immer noch ein Leichtgewicht. Die Kilos sitzen jetzt aber mehr auf der Hinterachse. Denn zwischen Kofferraum und Rücksitzbank, wo einst der Tank war, sitzt nun die Batterie. Mehr Leistung und mehr Drehmoment, das heißt auch mehr Sicherheit: Bei der Bremskraft hat man ordentlich nachgelegt. Davon will man aber eigentlich gar nicht übermäßig Gebrauch machen. Mit diesem Manta möchte man am liebsten nie wieder anhalten. olaf kern

Jens Cooper, selbst ein Klassiker der Opel-Classic-Werkstatt, steht mit seinem neuesten Lieblingsgefährt vor den Opelvillen.

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