Häufigere Corona-Tests sollen die Bewohner schützen. Doch damit gerät das Personal an seine Grenzen. Symbolbild: dpa
+
Häufigere Corona-Tests sollen die Bewohner schützen. Doch damit gerät das Personal an seine Grenzen. Symbolbild: dpa

Pflege

Mehr Corona-Tests von Seniorenheimen gefordert – „über der psychischen Belastungsgrenze“

  • vonAlexander Seipp
    schließen

Seniorenheime sollen jetzt auch Bewohner und Besucher regelmäßig auf Corona testen, doch an Personal mangelt es. Die Angestellten kommen an ihre Belastungsgrenzen.

Rüsselsheim - Pflege- und Seniorenheime sollen nun auf Corona testen, aber wer soll das machen? In Rüsselsheim und in der Umgebung kann man sich meistens nur mit Mühe auf die neue Situation einstellen, wie eine Rundfrage ergibt. Die Pandemie hat die Häuser schon längst an ihre Belastungsgrenze gebracht. Doch zu mehr Tests in Seniorenheimen und Pflegeeinrichtungen wollen Land und Landkreise die Betreiber verpflichten. Dies klingt angesichts der Corona-Pandemie sinnvoll. Doch nicht alle sind begeistert.

Rüsselsheim: Mehr Corona-Tests in Seniorenheimen – Aber die Ressourcen fehlen

"Sicherlich ist es sinnvoll zu testen, aber uns fehlen einfach die Ressourcen dafür", sagt Gerd Brückmann, Geschäftsführer der Mission Leben im Alter. Zu dem Verbund gehören unter anderem das Martin-Niemöller-Haus in Rüsselsheim und das Haus "An der Fasanerie" in Groß Gerau.

"Wir haben früh begonnen zu testen, vor allem Mitarbeiter", sagt er. Doch nun ist der Verband gezwungen, aufgrund der Anordnung des Kreises die Strategie zu ändern. Denn nun sollen auch Besucher und Bewohner verstärkt getestet werden. "Wir haben im Martin-Niemöller-Haus etwa 125 Bewohner und in etwa genauso viel Pflegepersonal, da kommt schon einiges zusammen", sagt Brückmann.

Mehr Corona-Tests in Seniorenheimen in Rüsselsheim – Und dann noch die Impfungen

Derzeit dürfe jeder Bewohner zweimal in der Woche besucht werden, dies weiter einzuschränken hält Brückmann nicht für sinnvoll. Aufgrund der Verordnungen müssen Besucher einen maximal 48 Stunden alten negativen Corona-Test nachweisen oder sich im Altersheim per Schnelltest testen lassen. Außerdem dürfen sie keine Symptome aufweisen.

Doch genug Personal, um alle zu testen, sei eben nicht da. "Wir gehen davon aus, dass wir allein im Martin-Niemöller-Haus zwei Vollzeitstellen nur für die Tests schaffen müssen", so der Geschäftsführer. Doch wo soll man die auf die Schnelle auftreiben? "Personalmangel gab es schon davor, das ist ja kein Geheimnis."

Alles läuft wohl darauf hinaus, dass Mitarbeiter in Zukunft weniger häufig getestet werden. Und in all dem Chaos sollen die Pflegeheime nun auch noch die anstehenden Impfungen vorbereiten. Auch Jana Tesmann, Residenzleiterin der K & S-Seniorenresidenz Raunheim sieht das größte Problem bei den verschärften Tests im Personalmangel. "Personell ist das nur schwer schaffbar", sagt sie.

Rüsselsheim: Trotz Zusatzkraft zu wenig Kapazitäten für die vielen Corona-Tests

Bereits in den vergangenen Wochen sei in der Raunheimer Seniorenresidenz auf eigene Faust deutlich häufiger getestet worden als vorgesehen. "Bei uns werden täglich zwischen 70 und 80 Tests gemacht. Für Bewohner, Pfleger, Gäste und andere", rechnet Tesmann vor. Jeder Test dauere etwa 20 Minuten. "Sie können sich also durchrechnen, wie viel zusätzlicher Aufwand die Tests sind."

Um diese Aufgabe zu schultern, habe man sogar eine Zusatzkraft eingestellt, die für nichts anderes zuständig sei, als das Testen. "Aber selbst so reichen die Kapazitäten nicht, wir müssen also Angestellte aus dem Bestand dafür hinzuziehen. Und die werden eigentlich dort dringend gebraucht."

Verwaltungstechnisch sei dies ebenfalls eine große Herausforderung. "Wir müssen schauen, wer diese Woche bereits getestet wurde, dafür führen wir akribisch Tabellen", sagt die Residenzleiterin. Doch selbst das reiche nicht immer. "Die Tests stellen ja immer nur eine Momentaufnahme dar. Häufig können wir also nur hoffen, dass sich unsere Mitarbeiter auch zu Hause an die Regeln halten."

Seniorenresidenz in Rüsselsheim: Derzeit keine Corona-Fälle

Derzeit habe die Seniorenresidenz keine Corona-Fälle. "Alle Kontakte nachzuvollziehen ist oft gar nicht möglich", sagt Tesmann. Sollte das Virus ausbrechen, drohe das Testsystem überlastet zu werden. Doch das größte Problem sieht sie bei der enormen Belastung des Personals. "Seit März sind wir in dieser Situation, und irgendwann gelangt jeder ans Ende seiner Kräfte", sagt die Residenzleiterin.

Ständige Änderungen der Beschränkungen und die Pflicht, diese immer wieder neu den Bewohnern und Angehörigen zu erklären - das habe bei vielen Mitarbeitern mittlerweile seinen Tribut gefordert. Tesmann gibt zu: "Viele von uns sind deutlich über der psychischen Belastungsgrenze."

Rüsselsheim: Mehr Corona-Tests in Seniorenheimen – Rahmenbedingungen gefordert

Gerd Brückmann stimmt anderen Verbänden zu, die etwa den Einsatz der Bundeswehr zur Unterstützung fordern. "Doch nicht nur die, auch aus der Ärzteschaft und von Hilfsverbänden wie dem Roten Kreuz oder den Johannitern könnte ich mir gut Hilfe vorstellen", so Brückmann. Im Katastrophenfall sei dies erlaubt. In Bayern werde dies beispielsweise schon so gemacht. Hessen lasse da aber noch auf sich warten.

Für ihn steht fest: Wenn die Städte und Landkreise diese durchaus sinnvollen Regelungen wollen, dann müssen sie auch die entsprechenden Rahmenbedingungen schaffen. Denn eines steht fest: "Alleine schaffen wir das nicht." (Alexander Seipp)

Stadt plante, städtische Angestellte wie Kita-Erzieherinnen als Corona-Streife in Rüsselsheim einzusetzen. Bei Mitarbeitern und Personalrat kam das allerdings nicht gut an.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare