Ein Klassenfoto aus dem Jahr 1896. Bereits damals gab es an der Immanuel-Kant-Schule gemischte Klassen mit Mädchen und Jungen. Fotos: Privat
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Ein Klassenfoto aus dem Jahr 1896. Bereits damals gab es an der Immanuel-Kant-Schule gemischte Klassen mit Mädchen und Jungen.

Interview

Die Kant-Schule war schon immer ihrer Zeit voraus

  • vonDr. Daniela Hamann
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Interview mit Lehrer Franz Horváth über Geschichte und Gegenwart der Schule mit der langen Tradition in Rüsselsheim.Die Immanuel-Kant-Schule in Rüsselsheim feiert in diesem Frühjahr ihren 125. Geburtstag. Schon bei ihrer Gründung im Mai 1896 war sie ihrer Zeit weit voraus, wie Franz Horváth unserer Mitarbeiterin Daniela Hamann erzählt. Horváth wurde in Osteuropäischer Geschichte promoviert, ist seit 2012 Lehrer für Geschichte und Ethik an der Kant-Schule und hat im vergangenen Jahr ein Buch mit dem Titel "Bildung und Integration.

Eine kurze Geschichte der Immanuel-Kant-Schule in Rüsselsheim" herausgebracht. In diesem Zusammenhang hat er sich intensiv mit der Vergangenheit der Schule beschäftigt.

Herr Horváth, was können Sie uns zu der Gründung der Immanuel-Kant-Schule erzählen?

Im April 1896 gab es eine Sitzung des Gemeinderates, in der die privaten Initiatoren beantragt haben, dass die Stadt die Kosten für die Neugründung der Immanuel-Kant-Schule übernehmen soll. Dieser Antrag wurde jedoch abgelehnt. Der Unternehmer Paul Hessemer gehörte damals zu den Hauptinitiatoren der Schulgründung. Denn er wollte es seinen Töchtern ermöglichen, vor Ort eine höhere Schule zu besuchen, so dass sie nicht nach Mainz fahren mussten. Als die Stadt die Kostenübernahme ablehnte, kamen er und andere wohlhabende Bürger zusammen und beschlossen, die Kosten aus eigener Kraft zu stemmen. Die Gründung erfolgte dann am 27. Mai 1896. Die Schule befand sich zunächst in einem Anbau des Privathauses von Paul Hessemer. Später war sie dann in dem Gebäude der heutigen Grundschule Innenstadt beheimatet. Erst 1969 zog die Schule offiziell an ihren heutigen Standort.

Das heißt, die Immanuel-Kant-Schule war zunächst eine Privatschule?

Das ist richtig. Die Schule hat zunächst Geld gekostet - etwa 100 Mark pro Monat im Jahr 1910. Doch es gab von Beginn an sogenannte Freistellen. Das waren rund zehn Prozent der Schulplätze. Die Gründer hatten sich von Anfang an die Integration zum Ziel gemacht. Das bedeutete, dass sie auch Kindern aus Familien mit geringem Einkommen den Schulbesuch ermöglichen wollten.

Das heißt, auch Mädchen wurden zugelassen? Sie sagten ja eben schon, dass Paul Hessemer die Schule unbedingt auch für seine Töchter gründen wollte.

Die Schule war von Anfang an gemischt. Auch das wurde von dem Integrationsgedanken gefördert. Etwa ein Drittel eines Jahrgangs war weiblich. Das war für diese Zeit etwas ganz Besonderes. Natürlich nahm die Zahl der Schülerinnen später noch mehr zu.

Was war der rote Faden in der weiteren Entwicklung der Schule?

Wie der Titel meines Buches schon verrät, waren die beiden Begriffe "Bildung" und "Integration" Leitmotive der Schulphilosophie, die sich wie ein roter Faden durch ihre gesamte Entwicklung zogen. Es ging bei der Immanuel-Kant-Schule seit ihrer Gründung neben der reinen Wissensvermittlung auch immer um die Herzensbildung. Neben der Integration beider Geschlechter und über die Freistellen auch von Kindern aus ärmeren Familien, fand nach dem Zweiten Weltkrieg auch die Integration von Vertriebenen aus ehemaligen deutschen Gebieten in Osteuropa statt. Davor blieb die höhere Bildung ausschließlich Kindern aus besser gestellten Familien vorbehalten. Seit den 1970er Jahren ist schließlich die Integration der Gastarbeiterkinder und neuerdings eben der Schüler mit Migrationshintergrund ein großes Thema.

Wenn Sie nun auf das vergangene Jahr schauen, war es für die verschiedenen Bildungsbereiche eine große Herausforderung. Wie hat das Kollegium der Kant-Schule diese Hürde gemeistert?

Wir haben innerhalb des Kollegiums viel auf die Beine gestellt, zum Beispiel im Bereich des Online-Unterrichts, hatten aber auch mit systemischen Schwierigkeiten zu kämpfen. Viel hat sich seitdem entwickelt, und wir haben alle viel gelernt und tun dies noch immer.

Was wünschen Sie der Immanuel-Kant-Schule für die kommenden Jahre?

Natürlich wünsche ich uns allen eine Rückkehr zum normalen Unterricht, in dem man sich noch mehr als schon vor der Pandemie um die Wissensvermittlung kümmern kann. Leider verbringen wir Lehrer auch viel Zeit mit administrativen Aufgaben. Das hat sich im vergangenen Jahr noch mehr intensiviert. Außerdem wünsche ich mir, dass die abgehenden Schüler stolz darauf sind, ihre schulische Bildung an der Immanuel-Kant-Schule, der ältesten weiterführenden Schule der Stadt, die übrigens auch viele berühmte Persönlichkeiten hervorbrachte, abgeschlossen zu haben.

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