Hessischer Filmpreisträger Thomas Frickel

Dokumentarfilmer über den Wert der Trennung von Wohnen und Arbeiten

Der Rüsselsheimer Dokumentarfilmer Thomas Frickel ist viel unterwegs, aber doch fest mit der Stadt verbunden. Wir haben den frisch gebackenen Hessischen Filmpreisträger in seinem Büro in einer ehemaligen Bäckerei besucht.

„Die Stadt ist so groß und so klein, dass alles, was sich auf dieser Welt ereignet, sich auch in Rüsselsheim ereignen kann“, zitiert Thomas Frickel frei nach Günter Grass und lächelt. Der Rüsselsheimer Filmemacher sitzt in seinem geräumigen Büro im Erdgeschoss des „Backhauses“. Der Weg vom Frühstückstisch zum Schreibtisch ist kurz, Frickel muss nur kurz über den Hof ins Nachbarhaus. Die Trennung von Wohnen und Arbeiten ist ihm wichtig, aber er schätzt den Komfort und die räumliche Nähe.

In den 80er Jahren zieht Frickel mit seiner jetzigen Frau im Wohnhaus ein, die 1900 errichtete Bäckerei auf dem Grundstück renovieren beide eigenhändig. Vieles an seinem Arbeitsplatz hat nostalgischen Charakter: Ein 16mm-Schneidetisch von Steenbeck steht dort, ein alter Nähmaschinentisch, viele antike Möbel. Dazwischen kann man Filmplakate entdecken, Filmrollen, dicke Ordner mit bekannten Frickel-Filmtiteln darauf. Der Schreibtisch ist schlicht und modern; darauf stehen mehrere Bildschirme. „Die Produktion ist voll digitalisiert“, erklärt der gebürtige Mainzer. Das bedeute allerdings nicht, dass sie dadurch einfacher geworden sei, betont er.

Thomas Frickel schätzt die analoge Produktionsweise, sein 2011 erschienener Dokumentarfilm „Die Mondverschwörung“ entstand vollständig analog. Schon zu Schulzeiten überzeugte er mit dem heutigen Bischofsheimer Politiker und Kulturwissenschaftler Wolfgang Schneider auch „die eher steifen“ Lehrer an der Immanuel-Kant-Schule, als Schauspieler in seinen Filmen mitzuspielen; gezeigt wurden die Filme im überfüllten Chemiesaal.

Später, während des Publizistikstudiums, arbeitet er als freier Mitarbeiter für das Rüsselsheimer Echo, begleitet die alternative Szene – so auch die Künstlergruppe der „Wendemaler“ – filmisch, dokumentierte die Proteste gegen die Startbahn West.

Frickel macht das zum Film, was ihn persönlich interessiert, aber „Dokumentarfilm hat immer mit Strömungen zu tun, die die Gesellschaft bewegen.“ Sein Film „Der Störenfried“ über den DDR-Pastor Oskar Brüsewitz wird 1993 für den Deutschen Filmpreis nominiert, der neueste Film „Wunder der Wirklichkeit“ (2017) über Filmemacher Martin Kirchberger und den tragischen Flugzeugabsturz wurde erst jüngst im Oktober mit dem Hessischen Filmpreis ausgezeichnet.

Dafür kam dann sogar noch mal der alte Steenbeck-Schneidetisch zum Einsatz – das alte 16mm-Material musste gesichtet und digitalisiert werden. Und wenn gerade kein Film im Backhaus entsteht? Dann hat Thomas Frickel trotzdem gut zu tun: Als Vorsitzender und Geschäftsführer der AG DOK, dem deutschen Berufsverband der Dokumentarfilmer, und als Mitglied verschiedener Gremien im Bereich freier Kulturschaffender. Dafür ist er viel unterwegs, zwei bis drei Mal im Monat allein schon in Berlin, dem Hauptsitz der AG DOK. Dort zu wohnen, kann er sich allerdings nicht vorstellen: „Berlin ist zu groß.“ Und was sich in Berlin ereignet, kann sich schließlich auch in Rüsselsheim zutragen.

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