Industriemuseum

Seile auf traditionelle Art selbst herstellen

Wie werden eigentlich Seile hergestellt? Dank der mobilen Seilerei des Friedbergers Uwe Seidler konnten die Besucher des Stadt- und Industriemuseums das alte Handwerk jetzt selbst ausprobieren.

Ein bisschen wie ein Gaukler wirkt der Freiberufler Uwe Seidler, der am Sonntag mit seiner mobilen Seilerei zu Besuch im Stadt- und Industriemuseum ist. Fast erwartet man, dass er auf das durch den Seminarraum gespannte Seil steigt und darauf entlang balanciert.

Doch sein Steckenpferd ist nicht die Akrobatik sondern altes Handwerk. Die Seilerei ist eines davon und die stellt er heute interessierten Besuchern vor. Dafür hat er sein privates Seilgeschirr und den Schlitten mit dem Kontergewicht mitgebracht. Je nachdem, wie lang das Seil werden soll, müssen die beiden Geräte mehr oder weniger weit entfernt voneinander aufgestellt werden. „Die Reeperbahn war einmal die längste Seilerstraße der Welt“, erzählt Seidler. Auf der geraden 600 Meter langen Strecke habe man die für die Seefahrt benötigten langen und dicken Taue fertigen können. Eine gerade Strecke zwischen den beiden Stationen ist Bedingung, denn die Schnüre müssen zum Verdrehen gespannt sein.

Kurbeln wird schwerer

Am Sonntag können sich die Besucher mit Hilfe des Fachmanns ein drei Meter langes Seil drehen, lang genug zum Beispiel für ein Springseil. Die neunjährige Stella ist die erste, die sich an dem alten Handwerk versuchen darf.

Bevor sie die Kurbel drehen kann, spannt Seidler eine Schnur zwischen den beiden Geräten hin und her, insgesamt viermal um jeden der vier Haken, die sich frei drehen können. Dann kommt Stellas Einsatz. „Du musst fest auf beiden Beinen stehen und mit beiden Händen kurbeln“, weist sie der Fachmann an. Denn das Drehen der Kurbel werde mit der Zeit immer schwerer.

Nach einer Weile fädelt Seidler die vier einzelnen Stränge in die vier Kerben einer sogenannten Lehre ein. Als die Spannung stark genug ist, schiebt er die Lehre in Richtung der Haken. Nun kann man dabei zuschauen, wie sich die vier Stränge hinter der Lehre – wie von Zauberhand – zu einem Seil zusammen zwirbeln.

„Cool“, ruft Stella kleine Bruder Jasper aus. Stella strahlt und auch dem Vater kommt ein begeistertes „das ist ja geil“, über die Lippen. Jetzt müssen die Enden, die in den Haken eingespannt waren, noch fachgerecht verknotet werden und fertig ist das Seil, das sofort auf seine Tauglichkeit getestet wird. Stella beweist direkt vor Ort, dass es zum Seilspringen bestens geeignet ist. Es sei gar nicht so schwer gewesen, berichtet das Mädchen, nur am Schluss sei das Drehen der Kurbel etwas schwerer geworden.

Getrockneter Hanf

Nun ist der kleine Bruder dran, bei dem Vierjährigen muss der Papa allerdings mithelfen, was er mit großer Begeisterung tut. Nachdem auch das zweite Seil fertig ist, zeigt sich, dass sich Seidler auch mit Seemannsknoten bestens auskennt. Die ganze Familie ist mir großem Enthusiasmus dabei, die verschiedenen Verschlingungen nachzuvollziehen.

Der gelernte Maschinenschlosser Uwe Seidler bezeichnet das alte Handwerk als seine Berufung. Im Freilichtmuseum Hessenpark und der Keltenwelt am Glauberg, aber auch auf Firmenveranstaltungen, gebe er sein Wissen weiter. Und das nicht nur in Sachen Seilerei, auch Lehmbau und Fachwerkbau vermittelt er in Workshops.

Nach Rüsselsheim hat er als Anschauungsmaterial eine getrocknete Hanfpflanze und daraus gewonnene Fasern mitgebracht. Die langen Stengel müssten geröstet werden, dann könne man die Fasern vom hölzernen Kern lösen. Danach müsse man die Fasern kämmen und zu Fäden verspinnen. Noch heute gebe es spezielle Anwendungsgebiete für die Seile aus Naturfaser, zum Beispiel als Kälberstrick, aber größtenteils sei das Naturprodukt von Kunstfasern verdrängt worden.

Traditionelle Seilereien gebe es nur noch wenige. Seine Geräte habe er nach langer Suche im Internet in einem Ort Nahe der polnischen Grenze gefunden. Auch die Hanfschnüre seien zum Teil 80 bis 90 Jahre alt und Restbestände alter Manufakturen.

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