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Ehemaliger Opel-Betriebsratschef Franz macht sich Sorgen

Es sollte um Opels jüngste Vergangenheit gehen, am Ende stand jedoch die Zukunft des Unternehmens im Mittelpunkt. Der ehemalige Gesamtbetriebsratsvorsitzende Klaus Franz sprach im Stadt- und Industriemuseum über die Opel-Krise von 2009, und welche Lehren man heute daraus ziehen kann.

"Die Geschichte wird von den Siegern geschrieben“, lautet ein geflügeltes Wort. Deshalb verwundert es nicht, dass nun ausgerechnet der ehemalige Opel-Betriebsratschef Klaus Franz eine Geschichte der Opel-Krise von 2009 vorgelegt hat. Wuchs der Schnurrbartträger in jenen stürmischen Rüsselsheimer Monaten doch in der öffentlichen Wahrnehmung schnell vom Arbeitnehmervertreter zu „Mr. Opel“ schlechthin. Ob Tagesschau oder Kanzlerin, wer damals wissen wollte, wie es um Opel stand, sprach nicht mit dem Management, sondern dem Betriebsrat. Nun, Franz ist mittlerweile Rentner, doch sein Sieg von 2009 könnte sich mit Blick auf die neuesten Schlagzeilen als Pyrrhus-Sieg herausstellen.

Viele Beobachter werten die offenbar schon sehr konkreten Pläne von General Motors, den Rüsselsheimer Autobauer an die französische PSA zu verkaufen, als Zeichen für eine Schwäche der Rüsselsheimer. Und das betrifft dann auch den Opel-Rentner Franz: Als das Stadt- und Industriemuseum ihn vor einigen Monaten gebeten hatte, einen Vortrag in der Festung zu halten, dachten alle, es ginge um seine Erinnerungen an 2009. Tatsächlich ging es bei der Veranstaltung nun aber mehr um die Zukunft, als um die Vergangenheit.

Dutzende Rüsselsheimer, viele Opelaner und sogar ein Kamerateam des ZDF waren gekommen, um von Franz zu erfahren, wie es nun weitergehen soll. Der Medienprofi wurde diesen Erwartungen gerecht. Nach der knappen, branchenüblichen Begrüßung („Guten Abend, liebe Kolleginnen und Kollegen“ ist im Museum sonst eher selten zu hören) gab er seine ausführliche Einschätzung der Lage. „Ich bin natürlich nicht in die Verhandlungen involviert“, räumte er ein. Er wisse zwar nicht, was genau gerade verhandelt werde, „aber ich kenne GM, Opel und die Industrie“.

Die Insolvenz in den USA habe General Motors grundlegend verändert, betonte Franz. Früher habe der Konzern stets nach Größe gestrebt. „Heute gibt allerdings die Wall Street den Ton an. Für die zählt Profit, nicht Größe“, erklärte er. Die anstehenden Umwälzungen hin zu elektrischen Motoren, autonomem Fahren und immer strengeren Abgasvorschriften verlange nach hohen Investitionen, die GM durch den Verkauf loswerden möchte. „GM ist für meine Begriffe allerdings unberechenbar“, warnte Franz. „Ich glaube erst an den Verkauf, wenn das Papier unterschrieben ist.“

Das dürfte dann auch gleich seine erste Lehre aus 2009 sein. Hatte er damals doch detailliert die Herauslösung Opels aus GM bereits vorbereitet, als GM-Chef Fritz Henderson plötzlich die Notbremse zog. Opel sollte doch im Konzern bleiben. „Kein Joke?“, habe er damals entsetzt ins Telefon nach Detroit gefragt, erzählte Franz und erinnerte sich an seine Reaktion: „Als erstes habe ich mir eine Flasche Rotwein hinter den Kopf gehauen. Hatte ich verloren?“

Doch mittlerweile sei er davon überzeugt, dass es die europäischen Arbeitnehmer waren, die durch kluge Mobilisierung, Aktionstage und nicht zuletzt die Kampagne

„Wir sind Opel“

verhindern konnten, dass die Krise in Detroit auf Rüsselsheim übergreift.

Mit PSA gäbe es nun eine ganz andere Situation, denn Opel, Citroën und Peugeot würden nicht nur um denselben, europäischen Markt streiten, sie hätten auch „beinahe identische Produkte“. Klaus Franz rechnete vor, dass bei Opel im Jahr 35 Fahrzeuge pro Mitarbeiter entstünden, bei PSA gerade einmal 18. „Opel ist viel produktiver.“ Image, Ingenieurskunst und Qualität der Produkte seien bei Opel deutlich besser.

„Doch PSA ist nun mal der Käufer, Opel der Gekaufte.“ Der größte Knackpunkt seien in seinen Augen gar nicht die vieldiskutierten Patente. Schon 2009 habe man gemeinsame Nutzungsverträge mit GM vereinbart. „Aber wird Opel die Motorenstandorte halten können?“ Denn beim Antrieb hätten die Franzosen die Nase deutlich vorne.

In der anschließenden Diskussion klagten alte Opelaner darüber, wie schlecht Detroit seine Rüsselsheimer Tochter doch behandelt habe. „GM hat Opel wie eine Milchkuh gemolken, aber nur so viel Stroh gegeben, dass sie nicht verreckt“, sprach Franz seinen Zuhörern aus der Seele. Trotzdem zeigte sich ein Zuhörer hoch besorgt: Staatssekretär Jo Dreiseitel warnte vor erheblichen Verlusten von Arbeitsplätzen. Er sei wütend über die Grabesstille. „Jetzt ist der Zeitpunkt, europaweit zu mobilisieren und Arbeitsplätze zu retten. Wir leben trotz Mitbestimmung im Kapitalismus, da geht es um Gewinne. Mitarbeiter müssen für ihre Position kämpfen.“

Dem widersprach der Opel-Rentner Dieter Dammel: „PSA will doch keine Marktanteile verlieren. Opel braucht bald mehr Personal, nicht weniger. Der letzte Insignia kam zu großen Teilen aus GM-Werken in den USA. PSA gibt sicher keine Milliarden aus, um dann Stückzahlen zu verlieren.“ Auch der junge Opel-Ingenieur Steve Grohnert zeigte sich skeptisch. Das Verkaufsgerücht habe sie damals am Boden zerschmettert, „aber es ist schwierig, einen Kampf zu führen, wenn man nicht weiß, gegen wen. Sollen wir gegen PSA mobilisieren? Gegen GM?“ jast

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