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An Werkzeug und Ersatzteilen mangelt es Reinhard Seiler, Siegbert Bosenius, Rüdiger Loos und Gerd Petersen von den Fahrradschraubern nicht. Manchmal müssen sie nur kurz suchen.

Immer eine Lösung parat

Ehrenamtliche Schrauber setzen im Bauhof 24 Fahrräder instand

Die Männer halten Wort: Am Montag hat für versierte Rentner eine arbeitsreiche Woche begonnen. Im Bauhof setzen sie zwei Dutzend Fahrräder instand.

Bei einer bloßen Ankündigung ist es nicht geblieben: Sechs Männer im fortgeschrittenen Alter haben sich zu Wochenbeginn pünktlich um 10 Uhr im Bauhof getroffen, um ehrenamtlich alte Fahrräder zu reparieren. Hans Wenzel, einer der ehrenamtlichen Fahrradschrauber, ist froh, sich auf seine Mitstreiter verlassen zu können. Doch er habe auch nichts anderes erwartet.

„Die wollen kommen und anfangen“, hatte Wenzel vorige Woche erklärt. Da hatte es noch ein Transportproblem gegeben. Zig ausrangierte, defekte, gefundene und gespendete Fahrräder werden im Bauhof auf einer Empore gelagert. Dort oben lasse sich aber nicht gut arbeiten. Also wurden am Freitag zwei Dutzend ausgewählte Drahtesel und die nötigen Ersatzteile von kräftigen Helfern über verwinkelte Treppen nach unten getragen.

Am Montagmorgen ging es dann schließlich voller Tatendrang los: Vier Tische gefüllt mit allem, was ein Schrauberherz begehrt, aufgeklappte Werkzeugkoffer, Kisten mit Ersatzschläuchen und – etwas abseits – die alten Räder. So sieht es in einer Bauhofhalle aus, die normalerweise als Lagerplatz genutzt wird.

Reinhard Seiler, früherer Gemeindevertreter der Grünen und Mitglied im Bund für Umwelt und Naturschutz, hat sich ein Damenfahrrad geschnappt, es umgedreht und auf Sattel und Lenker gestellt. „Es hat vorne und hinten einen Platten“, informiert er. Der Kettenschutz sei hinüber, der Ständer verbogen und „die Elektrik in einem erbarmungswürdigen Zustand“. Von fehlenden Kleinteilen ganz zu schweigen.

Am benachbarten Arbeitsplatz ruft ihn Gerd Petersen zu sich. Der Vorsitzende des Schachvereins und FDP-Fraktionschef hat wie die anderen Schrauber früher in einem technischen Beruf gearbeitet und kennt sich mit Reparaturen aus. Aber auch er braucht mal Hilfe. Während er das Vorderrad dreht, damit der Dynamo angetrieben wird, soll Seiler schauen, ob das Rücklicht leuchtet. „Ja, funktioniert“, heißt es kurz, dann geht die Arbeit weiter.

Seiler repariert zuerst die Reifen. Aus Erfahrung weiß er, dass die Schläuche an alten Rädern selten geflickt werden könnten. Tatsächlich, er zeigt den Riss in der Nähe des Ventils und sucht aus einer Kiste mit Neuware einen passenden Schlauch. Wäre es ein einfaches Loch im Gummi gewesen, hätte er den Schlauch auf bewährte Weise geflickt: aufpumpen, ins Wasser halten, gucken wo Bläschen hochsteigen, das Loch identifizieren, trocknen, Flicken drauf, fertig.

„Was repariert werden kann, reparieren wir“, sagen die Männer, zu denen Martin Zachmann, Rüdiger Loos und Siegbert Bosenius gehören. Jeder verrichtet ruhig und gelassen sein Werk. Sie wissen, dass nicht alle Probleme auf den ersten Blick sichtbar sind. Zum Beispiel verrottete Seilzüge, die eine Schaltung oder die Bremsen schwergängig machen. Oder ein Achter im Rad. Zu erkennen sei so etwas nicht sofort, aber selbstverständlich werden alle Räder, bevor sie wieder in den Straßenverkehr kommen, fachmännisch geprüft.

Wenzel erklärt, dass die reparierten Räder in diesem Jahr nicht wie in den Vorjahren versteigert werden. Diese extra Mühen seien nicht notwendig, weil die Schrauber derzeit nicht auf zusätzliche Einnahmen angewiesen seien. „Wir sind ja keine Firma“, bekräftigt Seiler und zieht den noch brauchbaren Fahrradmantel über den Schlauch. Also werden die Bikes weiterhin an Geflüchtete, Bedürftige und das Frauenhaus in Groß-Gerau vergeben.

Für Kinder fehlen allerdings noch Räder, die Nachfrage sei weiterhin groß. Eltern, die ein altes Kinderrad nicht mehr brauchen, vielleicht weil der Sprössling längst erwachsen ist, werden deshalb gebeten, über eine Spende an die Fahrradschrauber nachzudenken. Es sei hundertprozentig für einen guten Zweck, ist sich die tüchtigen Rentnerrunde einig.

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