Die Mitarbeiter, wie hier Paul Gascoigne, müssen auf ihre persönliche Sicherheit und auf das Umfeld achten. Bevor Äste abgeschnitten werden, müssen sie nach unten schauen. foto: rüdiger Koslowski
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Die Mitarbeiter, wie hier Paul Gascoigne, müssen auf ihre persönliche Sicherheit und auf das Umfeld achten. Bevor Äste abgeschnitten werden, müssen sie nach unten schauen.

Grünpflege

Ein Knochenjob in luftiger Höhe

Schneiden, sägen, fällen: Eine Spezialfirma ist derzeit im Einsatz auf dem Waldfriedhof: Baumkletterer pflegen die Bäume. Mit Steigeisen und Seilen.

Rüsselsheim -"Die Arbeiter hangeln sich wie die Affen durch die Bäume", Jasmin Weber, die Sachgebietsleiterin Baumpflege beim Städteservice Raunheim/Rüsselsheim, brachte den Anblick auf den Punkt. Nur das die Affen eben keine Seile benötigen.

Sogenannte Baumkletterer schwingen sich elegant mit Steigeisen und Seilen zehn bis fünfzehn Meter an Baumstämmen empor, ziehen sich an Seilen hoch, schweben von Ast zu Ast, dass dem am Boden stehenden Betrachter Angst und Bange wird, er zugleich auch fasziniert zuschaut.

Paul Gascoigne aus dem englischen Newcastle, ja, dort wo sein berühmter fußballballspielender Namensvetter seine Karriere begann, liebt die Höhe, liebt das Klettern, liebt seinen Beruf. "Das ist die Basis für meinen Sport", sagt er, Gascoigne klettert gerne in Felswänden.

Er muss nicht lange überlegen, was den Reiz seines Berufes ausmacht: Jeder Baum sei anders, jede Situation sei unterschiedlich, jeder Standort habe seine Eigenarten. Die körperliche Fitness müsse sicher vorhanden sein. Dass passt zu einem, der es mag, aktiv zu sein.

Der Städteservice lässt derzeit von der Firma Freelance Baumpflege den Waldfriedhof durchforsten. Weil die Gräber das Arbeiten mit einem Hubsteiger sehr erschweren, seien Baumkletterer engagiert worden, informiert Weber.

Doch, ein Hubsteiger war trotz der unpassenden Geländesituation bereits im Einsatz. Im vergangenen Jahr seien die insgesamt 1076 Bäume des Waldfriedhofs kontrolliert worden, so Weber. Für 250 erschienen Pflegemaßnahmen notwendig. An 14 Bäume mussten sie dringend durchgeführt werden und elf von ihnen mussten sofort gefällt werden.

49 müssen gefällt werden

Für diese Sofortmaßnahmen hat der Städteservice das Unternehmen Leitsch an der Hand, das die Arbeiten eben mit einer Hebebühne ausführt. Diese Bäume seien ein Sicherheitsrisiko, es bleibe keine Zeit für eine Ausschreibung für Baumkletterer, die die Bäume für den Boden schonender bearbeiten.

Der Städteservice hatte im vergangenen Jahr erstmals alle Bäume des Waldfriedhofs in einen Kataster eintragen lassen, so Weber. Nach diesem Verzeichnis seien dann alle 1076 Bäume auf ihren Zustand kontrolliert worden.

Von den 250 Bäumen müssen insgesamt 49 gefällt werden. Darunter befänden sich 38 Kiefern, hebt Weber diesen Aspekt hervor. Sie hätten die Trockenheit der vergangenen Jahre nicht überstanden.

Auch im vergangenen Jahr seien viele Bäume gefällt worden. Die Friedhofsverwaltung pflanze immer wieder nach und werde dies in diesem Jahr ebenfalls machen.

Die Baumkletterer entfernen in luftiger Höhe auch Astbruch und die Nester der Eichenprozessionsspinner, informiert Weber.

Die Bäume würden übrigens nur gefällt, wenn keine Beisetzungen anstehen, sagt Daniel Courtis, Geschäftsführer von Freelance Baumpflege. Auch die lärmintensiven Motorsägen kommen möglichst nur zum Einsatz, wenn keine andächtige Ruhe gestört wird.

Courtis erklärt die Techniken, erzählt von Steigeisen mit Kurzsicherung, von mit Sand gefüllten Wurfsäckchen, von Aufstiegsseilen und von Schonern für das Seil, um die Baumrinde zu schützen.

Das Wichtigste beim Baumklettern sei die Sicherheit. Die Mitarbeiter müssen auf ihre persönliche Sicherheit und auf das Umfeld acht geben. Bevor Äste abgeschnitten werden, müssen sie nach unten schauen. Er erzählt von einem tödlichen Unfall, nicht in seinem Unternehmen, als ein Arbeiter von einem Baumstamm getroffen wurde.

Glück im Unglück

Er selbst stürzte übrigens vor 30 Jahren aus einer Höhe von rund 15 Metern ab. Er hatte sein Seil nicht eingehängt. 1,5 Sekunden sei er in die Tiefe gestürzt. Er kann sich erinnern, dass er laut geschrieen habe. Glücklicherweise sei er auf ein weiches Moosbeet gefallen und von dort abgefedert worden und noch einmal ein kleines Stück weitergeflogen. Acht Rippenbrüche und ein Lungenriss waren die Folge, er hatte Glück im Unglück. Das Adrenalin nennt er dennoch als einen Reiz des Baumkletterns.

Kraft und Technik seien es gleichermaßen, die Baumkletterer benötigen. Die Beine werden hauptsächlich beansprucht. Im Gegensatz zu vor zehn Jahren, als ältere Steigeisen die Arm- und Bauchmuskeln gefordert hätten.

Es seien indessen wenige Menschen für diesen Beruf geeignet, schränkt er ein. Sie müssten körperliche Fitness, Kommunikationsfähigkeit, Eigenverantwortlichkeit und gesunden Menschenverstand mitbringen - Eigenschaften, die im Zusammenspiel vielleicht nicht so häufig vorkommen. Von Rüdiger Koslowski

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