An den Olympiasieg 1972 in München hat Hockey-Legende Peter Kraus viele Erinnerungen. Etliche davon bekommt er von seinen immer noch zahlreichen Fans zugeschickt. FOTO: Ralph Keim
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An den Olympiasieg 1972 in München hat Hockey-Legende Peter Kraus viele Erinnerungen. Etliche davon bekommt er von seinen immer noch zahlreichen Fans zugeschickt.

Porträt

Ein Olympia-Held feiert 80. Geburtstag

Peter Kraus war bei der Hockey-Sensation von 1972 in München dabei

Rüsselsheim -Der 10. September 1972: Im Finale des olympischen Hockeyturniers trifft Gastgeber Deutschland auf das Team von Pakistan. Dass die Deutschen das Finale überhaupt erreicht haben, ist schon eine beachtliche Leistung. Der Favorit ist eindeutig der amtierende Weltmeister Pakistan. Doch es ist der Außenseiter, der das Finale mit 1:0 für sich entscheidet. Und mit dabei: Peter Kraus aus Rüsselsheim. Der Torwart aus den Reihen des RK Rüsselsheim hat maßgeblichen Anteil an dem Triumph von München, den 15 000 Zuschauer im Stadion miterleben. Ein für deutsche Verhältnisse sensationeller Zuspruch.

Knapp 50 Jahre später: Peter Kraus sitzt am Tisch seiner Wohnung in Rüsselsheim und holt Erinnerungen hervor. "So etwas schicken mir noch heute die Fans. Außerdem Autogrammwünsche." Auf einfachem DIN A 4-Papier wird mit einer Foto- und Info-Collage an die deutschen Goldmedaillengewinner im Hockey von 1972 erinnert. "Es ist schön, dass einen die Leute auch nach all den Jahrzehnten nicht vergessen haben", sagt der Olympia-Held bescheiden lächelnd.

Zunächst dem Fußball zugetan

Am 27. Juni wird der Triumph von München mit Sicherheit großes Thema im Hause Kraus sein. Denn an diesem Sonntag feiert der Rüsselsheimer Olympiasieger seinen 80. Geburtstag. Und da Peter Kraus zu seinen Mitspielern von damals noch immer sehr guten und regen Kontakt hat, dürfte bei den Glückwunschtelefonaten bestimmt auch ein "Weißt Du noch, damals in München..." fallen.

Peter Kraus kam am 27. Juni 1941 in Rüsselsheim zur Welt. Eigentlich schlug sein sportliches Herz zunächst für den Fußball. "Doch dann hatte ich eine schwere Meniskusverletzung, die operiert werden musste", erzählt er. Seine Fußballerkarriere musste Peter Kraus an den Nagel hängen. Nach seiner Genesung ging er 1959 zur Hockey-Abteilung des Rüsselsheimer Ruder-Klubs (RRK), wo er mit dem Hockeyspielen begann - und das sehr erfolgreich. Schnell wurde Kraus, der beruflich bei Opel tätig war, Stammtorwart der ersten Mannschaft.

Nicht unerwähnt sollte bleiben, dass der RRK früher einmal so etwas wie der FC Bayern München des Hockeysports war: Zwischen Ende der 1960er und Ende der 1970er Jahre wurde der Verein mehrfach Deutscher Meister.

In die Nationalmannschaft wurde Peter Kraus erst 1969 zu einem Turnier in Pakistan berufen. "Um mitreisen zu können, musste ich bei Opel eigens unbezahlten Urlaub nehmen", erinnert sich die Hockey-Legende noch bestens.

Um die Einbußen auszugleichen, nahm Kraus damals finanzielle Sporthilfe in Anspruch. Die steigerte sich von zunächst monatlich 100 D-Mark auf 375 D-Mark. Zudem spendierte die Sporthilfe damals täglich eine Mahlzeit. "Dazu musste ich mir die Quittungen geben lassen, die ich dann eingereicht habe", beschreibt Peter Kraus diese Unterstützung, die heute wohl belächelt würde.

1970 gehörte Kraus zum Aufgebot, das die erste Hockey-EM gewann. Bei der ersten Feldhockey-WM 1971 belegte die deutsche Mannschaft den fünften Platz. Peter Kraus musste als Torwart damals allerdings Wolfgang Rott den Vortritt lassen. "Das hat mir allerdings nichts ausgemacht. Dabei sein zu dürfen, war das Wichtigste."

Bei den Olympischen Spielen 1972 in München war Peter Kraus dann Stammspieler. Zwei Ereignisse warfen allerdings einen dunklen Schatten über den sportlichen Erfolg: Das Attentat palästinensischer Terroristen auf die israelische Olympiamannschaft mit zahlreichen Opfern bekamen auch Peter Kraus und seine Teamkollegen hautnah mit. Doch die Spiele sollten ja weitergehen.

Und die Pakistani entpuppten sich nach der Finalniederlage als äußerst schlechte Verlierer: Verächtlich und demonstrativ lustlos nahmen sie die Silbermedaillen entgegen, verweigerten beleidigt die Ehrerbietung an die Gewinner. Der Lohn für den Olympiasieg der Deutschen war übrigens neben der Goldmedaille (Materialwert keine 100 D-Mark) immerhin eine hochwertige Schweizer Uhr, die jeder Spieler entgegennehmen durfte.

Die Begeisterung ist geblieben

Zudem wurde das Hockey-Team zur "Mannschaft des Jahres" gekürt. Und auch das ist beachtlich, wenn man bedenkt, dass die deutsche Fußball-Nationalmannschaft kurz zuvor Europameister geworden war. Nach dem Olympia-Triumph beendete Peter Kraus seine Karriere bei der Nationalmannschaft. In Rüsselsheim blieb er bis 1979 aktiv.

Die Begeisterung für Hockey ist freilich geblieben. Wann immer im Fernsehen ein Spiel gezeigt wird - Peter Kraus schaut zu.

Zusammen mit seiner Ehefrau Ursula, denn sie war ebenfalls lange Jahre Hockeyspielerin. Und das ist längst nicht alles aus der Hockey-Familie Kraus: Mutter Wilhelmine Kraus nahm 1927 am ersten Damen-Hockeyspiel in Rüsselsheim teil. Neun Jahrzehnte später ist es Anna Kraus, eine der Enkelinnen von Peter Kraus, die die Hockey-Tradition in der Familie fortsetzt.

Gut möglich, dass zum 80. Geburtstag in der reichlich zu erwartenden Fanpost auch hie und da ein anderer Peter Kraus gemeint ist - nämlich der bekannte Schlagersänger. "Das kommt immer mal wieder vor", lacht der ehemalige Hockeyspieler Peter Kraus, der dann auch diese Fanpost freundlich beantworten wird.

Ralph Keim

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