Ihm ist die Suppe versalzen

Eintopf-Koch hört in Rüsselsheim auf

Am Dienstag gab’s sogar bunte Festtagsservietten zum Chili con Carne, doch dann war endgültig Schluss mit „Hansmannskost“: Nach gut zehn Jahren Wochenmarkt stellt Hans Hermann Garbe wegen mangelnder Kundschaft die Flammen am Herd aus.

Zuerst will er nichts wissen vom Interview zu seinem Abschied aus Rüsselsheim, gibt sich schroff: Beim Kochen müsse er seine sieben Sinne beisammen haben, erklärt Hans Hermann Garbe und macht sich eifrig im Küchenwagen am Herd zu schaffen.

Also, Geduld: Die Sonne scheint, es ist „fantastisches Marktwetter“, wie es die Händler formulieren, die hier alle kollegial per Du sind. Dennoch müssen Lydia und Tadeusz an ihren Obstständen sowie auch die Eierverkäuferin Ingrid und der Imker manchmal lange warten, bevor ein Kunde kommt. Wir zählen am hellen Vormittag gerade mal acht Passanten auf dem Markt. Eine ältere Dame kauft bei Tadeusz Äpfel: „Zwei Kilo, wie immer“, sagt sie und hält ihm ihre Stofftasche entgegen. Der lacht: „Ich weiß doch, was Sie wünschen.“

Miese Stimmung

Insgesamt ist die Stimmung bei Händlern und Verkäufern aber mies. „Es läuft schlecht, der alte-neue Standort des Marktes ist eine Katastrophe. Es gibt keine Parkplätze, und der Schotterboden macht Kunden – vor allem älteren mit Gehhilfen – und auch Händlern zu schaffen. Überall diese Kiesel“, sagen sie.

Und damit kehren wir zurück zur „Hansmannskost“: Hans Hermann Garbe nämlich wirft das Handtuch, hat seinen Stellplatz gekündigt: „Ich zahle nur noch drauf. Wenn keiner auf dem Markt ist, kann keiner was kaufen“, gibt er sich gesprächsbereiter, als wir nochmals um die Ecke seines Wagens lugen. Verlockend steigt der Duft des Chilis auf, allerlei Gewürze kitzeln die Nase. „Wer hier an meinen Holztischen aß, bekam kostenlosen Nachschlag“, sagt der passionierte Koch, der Tisch und Bänke in die Sonne rückt. „Aber in Rüsselsheim nehmen die meisten das Essen mit“, setzt er hinzu.

Er raucht eine Zigarette, während Chili und Borschtsch köcheln. „Gleich mach ich den Laden auf“, sagt Garbe – es ist das letzte Mal. Und: „Als ich den Stammkunden sagte, dass ich schließen werde, ging mir das unter die Haut. Aber jetzt ist die Sache gegessen.“

Kaum ist die Verkaufsklappe geöffnet, kommen zwei Monteure, bestellen Borschtsch. Kein Kleingeld? Macht nichts – der Chefkoch rundet ab und sagt: „Lasst’s gut sein, geht in Ordnung.“ Hans Hermann Garbe nimmt sich Zeit für ein paar Worte – das Wetter, der Job, die Suppe. So ist er, ein zunächst zugeknöpft wirkender Mann mit grauem Bart, dessen Ohrring im Sonnenlicht blitzt. Und doch: Bei „Hansmannskost“ menschelt es. Von der anderen Seite des Marktes ruft Verkäuferin Lydia ihm ein Scherzwort zu, er lacht, pariert: „Du bist ja so liebensgewürzig zu mir.“

Dann fährt er fort: „Ich hab jetzt fast 60 Jahre Linsensuppenerfahrung – das ging los bei meiner Oma am Herd, als ich ein Knirps war. Linsensuppe bleibt mein Favorit, wenn ich auch in all den Jahren um die 600 Suppenrezepte und Gerichte für Messer und Gabel – etwa Lasagne – ausprobiert habe.“ Und er setzt hinzu: „Meine Linsensuppe ist immer besser geworden – aber Omas Qualität bleibt unerreicht.“

Kurviger Lebenslauf

Er sei eigentlich studierter Förster, erzählt der „Hansmann“ Ausschnitte aus dem kurvigen Lebenslauf. 1981 habe er bei der Bundesgartenschau in Kassel Open-Air-Konzerte mitorganisiert, sei über sieben Ecken in die Filmbranche gekommen, war freier Produzent, wurde vom ZDF angeheuert und so weiter. „Lang ist’s her.“ Es folgten berufliche Jahre im Außendienst der Insolvenzabwicklung einer Bank. „Dann kam die Bankenkrise mit den Entlassungen. Ich dachte mir: Das kannst du also nicht mehr machen. Was kannst du sonst noch?“

Als leidenschaftlicher Koch mit Gastronomieerfahrung aus der Studienzeit fand Hans Hermann Garbe eine Marktlücke: „Als ich anfing, gab’s nur Hähnchen oder Wurst mit Pommes auf Märkten. Meine Suppen kamen gut an.“ Doch ab heute betreibe er nur noch den Stand in Schwalbach am Taunus, suche sich wieder einen zweiten dazu: „In Rüsselsheim rechnet es sich nicht mehr. Wie gesagt: Keine Kunden, keine Käufer.“ Und er kickt ärgerlich einen der Schottersteine aus seinem Küchenwagen.

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