Die beiden alten Wohncontainer stehen leer, sie sollen Ende August abtransportiert werden. FOTOs: Dorothea Ittmann
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Die beiden alten Wohncontainer stehen leer, sie sollen Ende August abtransportiert werden.

Obdachlose

Einzug in neue Diakonie-Wohncontainer bis Ende November

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Geschäftsführer Lucien Lazar erläutert die Pläne - Anlage ersetzt Alt-Container aus den 80er Jahren

Rüsselsheim -Die Containeranlage im Rugbyring steht leer. Die Bewohner sind für die nächsten Monate ausgezogen, bis die neue Anlage auf dem Grundstück des Diakonischen Werks Groß-Gerau/Rüsselsheim aufgebaut ist. Geschäftsführer Lucian Lazar spricht ungern von Containern. Für ihn und für die späteren Bewohner handle es sich schließlich um ein Zuhause. Die eigenen vier Wände seien für Menschen, die lange Zeit keinen privaten Rückzugsraum hatten, etwas Wunderbares.

Nur haben die beiden heruntergekommenen Wohncontainer aus den 80er Jahren mit jeweils vier Zimmern wenig Heimeliges an sich. Nur noch vier seien bis zuletzt bewohnbar gewesen, so Lazar. Hängende Decken, sackende Böden und sogar Schwarzschimmel seien ein Problem gewesen. Ein Problem, das weithin bekannt ist und dessen Lösung laut Joachim Walczuch (WsR) seit vielen Jahren zur Beschlussfassung auf den Tischen der Stadtverordneten lag. Die WsR hatte für den Dienstagnachmittag zu einem Ortstermin mit der Diakonie in Rüsselsheim eingeladen, um sich über die geplanten neuen Wohncontainer zu informieren.

Ein Bauzaun weist mittlerweile darauf hin, dass an dem Ort etwas passieren soll. "Ende August werden die alten Container abgeholt", erläutert Lazar den Zeitplan. Anschließend werde die Stellfläche für die beiden neuen Container abgetragen, eine Bodenplatte eingelassen und die zweistöckige Anlage draufgesetzt. Das nachweislich schadstoffbelastete Bodenmaterial muss bis zu drei Meter tief ausgehoben werden - auch um die Tragfähigkeit des Bodens zu erhöhen, der auf dem ehemaligen Deponiegelände mit Müll verfüllt worden war.

Bis Ende November sollen die Arbeiten abgeschlossen sein und die Bewohner einziehen können. "Ich hoffe, dass wir spätestens vor Weihnachten die Anlage einweihen können", ist Lazar ob des straffen Zeitplans etwas skeptisch. Dennoch freut sich der Geschäftsführer, dass es mit dem Projekt nun endlich vorangeht.

Die neuen Container werden wieder mit insgesamt acht Zimmern bestückt sein. Im Erd- und Obergeschoss wird es jeweils einen größeren Raum für Pärchen geben. "Jedes Zimmer ist mit einer Dusche, einer Kochnische, Anschlüssen für eine Waschmaschine und einen Fernseher ausgestattet", zählt Lazar auf. Die Zimmertüren im Obergeschoss sind über einen Laubengang zu erreichen, wie die aktuellen Baupläne zeigen. Dies alles erscheint als purer Luxus, vergleicht man die neue mit der alten Wohnanlage. Zuvor verfügten die Bewohner lediglich über eine Kochnische und ein separates Bad mit Toilette.

Am normalen Leben teilhaben

Bei den Bewohnern der Wohncontainer handelt es sich nicht um Übernachtungsgäste für ein paar Nächte, sondern um dauerhafte Mieter, räumt Sozialarbeiterin Kerstin König mit einer Falschannahme auf. "Das betreute Wohnen in unseren Wohncontainern ist eine Möglichkeit für Menschen, die aus der Wohnungslosigkeit kommen, wieder am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben." So etwas könne Jahre dauern. Manche Bewohner seien suchtkrank oder gesundheitlich schwer angeschlagen, ergänzt Kollege Alessandro König.

Neben den dauerhaft vermieteten Zimmern betreibt die Diakonie im Rugbyring auch ein Übernachtungsheim und eine Wohngemeinschaft (WG) für jüngere Menschen, die im Idealfall nach eins bis zwei Jahren den Weg in die Selbstständigkeit finden. Wer möchte, bekommt bei der Diakonie ein Frühstück und eine warme Mahlzeit am Tag.

Nicht nur die Bewohner und Hilfesuchenden kämen im Gemeinschaftsraum oder im Diakonie-Garten zusammen, auch einsame Menschen suchten hier nach Gesellschaft, sagt Kerstin König. Das Zusammensein sei durch die Corona-Pandemie zwar erschwert, aber weiterhin möglich gewesen. Alessandro König ist beeindruckt davon, wie verständig die Besucher auf die Maskenpflicht reagierten. "Wir haben Aufklärungsarbeit geleistet. Viele Menschen waren ohnehin vorsichtig, weil sie gesundheitlich angeschlagen sind", so König. Mobile Impfteams des Kreises seien zwischenzeitlich vorbeigekommen, um Freiwillige zu impfen.

Viel schwerer seien die Wohnungslosen jedoch von den Schließungen betroffen gewesen. "Wer vorher im Schwimmbad geduscht hat, konnte das dann nicht mehr tun", gibt Kerstin König ein Beispiel. "Auch öffentliche Toiletten waren geschlossen. Und nicht zu vergessen die Kleiderkammern."

Noch gebe es keine validen Zahlen über die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die Wohnsituation der Menschen. König geht aber davon aus, dass mehr Menschen als bisher ihre Wohnung verloren haben könnten. Weil die Mieten in den vergangenen Jahren so stark gestiegen sind, hätten auch Diakonie-Bewohner Probleme, eine eigene Bleibe zu finden, gibt Alessandro König zu bedenken. Mit den neuen Wohncontainern kann das Diakonische Werk wenigstens alle acht Zimmer belegen. Die Nachfrage sei groß, weiß Lazar um die Wohnungsnot. dit

Blick in ein verwüstetes Zimmer: Die Bewohner der alten Containeranlage hatten nur wenige Quadratmeter Platz - links war mal eine Kochnische, davor eine Kabine mit Toilette und Waschbecken.

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