Da geht es lang: Fahrschüler müssen auf dem Weg zum Führerschein momentan eine Menge Geduld aufbringen. FOTO: dpa
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Da geht es lang: Fahrschüler müssen auf dem Weg zum Führerschein momentan eine Menge Geduld aufbringen.

Auto und Verkehr

Ewiges Warten auf Führerscheine: „Situation ist schlimm“

  • VonJochen Fay
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  • Dorothea Ittmann
    Dorothea Ittmann
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Wer derzeit seinen Führerschein erwerben will, braucht auch in Rüsselsheim viel Geduld – der TÜV schiebt Sonderschichten.

Rüsselsheim – Die Sommerferien sind bei vielen Jugendlichen ein beliebter Zeitraum, um im Schnellverfahren den Führerschein zu machen. Doch derzeit ist beim Erwerb der Fahrerlaubnis ein langer Geduldsfaden gefragt - und zwar unabhängig von der Ferienzeit. Grund sind gehörige Bearbeitungszeiten bei der Führerscheinstelle und ein Mangel an Prüfungsterminen vonseiten des TÜV Hessen.

„Die Situation ist schlimm. Weil der TÜV nicht genug Prüfer beziehungsweise Prüfungstermine hat, haben wir seit anderthalb bis zwei Monaten einen enormen Rückstau zu verzeichnen“, beklagt Frank Ockstadt von der gleichnamigen Rüsselsheimer Fahrschule. Anfangs habe es einen Mangel an Plätzen für die Theorieprüfung gegeben, inzwischen seien die Praxisprüfungen massiv betroffen.

Rüsselsheim: „Können derzeit nur zwei bis drei Prüfungstermine pro Woche anbieten“

Die Prüfungen müssten mit einem Vorlauf von etwa drei Wochen beim TÜV beantragt werden. „Ich habe für die 36. Kalenderwoche drei Prüfungen beantragt und lediglich einen Termin zugewiesen bekommen“, erzählt Ockstadt, der seine Fahrschule als Ein-Mann-Betrieb führt. Das sei inzwischen leider die Regel. „Von den beantragten Terminen wird lediglich ein Drittel bis die Hälfte vom TÜV besetzt“, so der 56-Jährige.

Münevver Kanmaz, Büroangestellte bei der Fahrschule Isa Acar in der Löwenstraße, in der drei Fahrlehrer beschäftigt sind, bestätigt diese Zahlen. Dort stellt sich die Situation ähnlich dar. „Wir können derzeit nur zwei bis drei Prüfungstermine pro Woche anbieten, normalerweise sind es wöchentlich sieben oder acht“, sagt sie. Entsprechend lang seien die Wartezeiten für die Fahrschüler. „Bei uns warten momentan 30 bis 40 Fahrschüler auf einen Termin für die praktische Prüfung. Sie müssen mit Wartezeiten bis Mitte oder Ende Oktober rechnen“, berichtet Kanmaz.

Rüsselsheim: Anhaltend hohe Nachfrage

Sven Steinbrecher beschäftigt vier Fahrlehrer in seiner Fahrschule in der Adolf-Menzel-Straße. Auch er sieht das Problem bei personellen Engpässen seitens des TÜV und langen Wartezeiten bei der Führerscheinstelle. Aber auch die mehrmonatige Corona-Pause im vergangenen Jahr habe bei den Fahrschulen einen „Prüfungsstau“ verursacht. „Wir mussten alle Prüfungen verschieben, die wir jetzt nachholen“, so Steinbrecher. Angesichts der anhaltend hohen Nachfrage sei es sinnvoll, über einen Aufnahmestopp bei den Fahrschulen nachzudenken, findet er. Nur so könne man jenen gerecht werden, die bereits seit einiger Zeit sowohl auf ihre Papiere als auch auf einen Prüftermin warten. Er selbst nehme etwa niemanden mehr auf, der die Fahrschule wechseln möchte.

Steinbrecher vermutet ferner, dass die Einführung der „Optimierten Praktischen Fahrerlaubnisprüfung“ im Januar 2021 für den Stau mitverantwortlich sein könnte. Dadurch habe sich die Prüfungsdauer um 10 auf 55 Minuten verlängert. Da jeder Prüfer ein gewisses Zeitkontingent am Tag habe, könnten dadurch womöglich weniger Fahrprüfungen durchgeführt werden, so Steinbrecher.

Der TÜV Hessen sieht in der geänderten Fahrerlaubnisverordnung nicht den Grund für die aktuelle „Bugwelle“. „Die Verlängerung der Prüfungsdauer wurde in unserer Personalplanung berücksichtigt“, beteuert der TÜV. Anfang August hatte er sich mit einem Schreiben an die Fahrlehrer und auch die Fahrschüler gewandt, in dem er „regionale Verzögerungen“ bei der Vergabe von praktischen Prüfungsplätzen seit dem zweiten Quartal 2021 einräumt.

Als Gründe führt der TÜV unter anderem einen stark gestiegenen Bedarf an Prüfungsplätzen, Corona-bedingte „verlängerte Prüfaufträge aus dem Vorjahresbestand“ sowie einen deutlichen Anstieg der Durchfallquote bei der Führerscheinprüfung und damit zusätzlich erforderliche Prüftermine an. Hinzu kämen eine „unvorhersehbare regionale Personalfluktuation“ sowie der Ausfall von Prüfpersonal infolge von Infektionen oder Quarantäne.

Rüsselsheim: Von Verständnis bis Verärgerung

In dem Schreiben versichert der TÜV weiter, dass er alles ihm Mögliche tun werde, um den Bedarf an Prüfplätzen abzudecken. Als Maßnahmen nennt er die „Ausschöpfung sämtlicher Dispositionsmöglichkeiten bei der täglichen Arbeitszeit“. Fast alle Prüfer seien demnach zu Sonderschichten, zusätzlichen Prüftagen und Urlaubsverzicht bereit. Weitere Schritte seien unter anderem eine Ausweitung der Arbeitszeit auf Samstag und die Wiedereinstellung von ehemalige Fahrerlaubnisprüfern, die schon in Rente waren. Außerdem erwarte man aus der Ausbildungsgruppe von März 2022 an „eine erhebliche Anzahl an zusätzlichen Prüfern“, so der TÜV.

Aufseiten der Fahrschulen schwankt man angesichts dieser Ausführungen zwischen Verständnis und Verärgerung. „Ich kann den TÜV verstehen, aber die Situation ist trotzdem mehr als ärgerlich“, sagt Münevver Kanmaz. Die Fahrschüler müssten vertröstet werden, und sie als Bürokraft müsse es dann häufig ausbaden. Auch Frank Ockstadt erklärt, er habe Verständnis für den TÜV. Dennoch sei die Situation auf Dauer nicht tragbar, zumal es auch bei der Führerscheinstelle in Groß-Gerau seit geraumer Zeit zu erheblichen Wartezeiten komme. „Seit dem ersten Lockdown braucht die Führerscheinstelle im Schnitt rund dreieinhalb Monate, bis die Anträge bearbeitet sind“, schildert er.

Sven Steinbrecher bleibt gelassen. In Frankfurt und Wiesbaden sei die Situation nach seiner Beobachtung angespannter als in Rüsselsheim. Der TÜV bemühe sich, allen Anfragen gerecht zu werden. Jede Fahrschule müsse nun Abstriche machen.

Und wie reagieren die Fahrschüler, für die mitunter auch noch die ein oder andere Fahrstunde mehr anfällt, damit sie während der Wartezeit nicht aus der Übung kommen? „Manche sind verärgert und wollen die Fahrschule wechseln. Aber das bringt nichts, denn es geht ja allen Fahrschulen so“, sagt Kanmaz. Auch Ockstadt verweist darauf, dass die Fahrschüler momentan wohl oder übel Geduld haben müssten. „Schnell geht in Sachen Führerschein derzeit gar nichts“, erklärt der Fahrlehrer. (fay/dit)

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