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Ein Kind zu bekommen, ist für Eltern oftmals mit einem bürokratischen Hürdenlauf verbunden, sagt Andrea Gürke.

Beratungsarbeit

Pro Familia in Rüsselsheim feiert 40-jähriges Bestehen

40 Jahre Pro Familia in Rüsselsheim – das ist ein Grund zu feiern. Aber auch einen Rückblick auf die vergangenen vier Jahrzehnte wert. Wie hat sich die Beratungsarbeit verändert? Darüber sprach Daniela Hamann mit Pro-Familia-Geschäftsführerin Andrea Gürke.

Frau Gürke, Pro Familia feiert 40-jähriges Bestehen in Rüsselsheim. Mit welchen Gefühlen blicken Sie auf die Vergangenheit zurück?

ANDREA GÜRKE: 1978 begann Pro Familia im Kreis Groß-Gerau mit zwei Stunden Beratung pro Woche in einem untervermieteten Raum. Heute beschäftigt die Beratungsstelle acht Mitarbeiter und berät über 1300 Personen pro Jahr. Grundsätzlich sind Jugendliche und Erwachsene viel besser aufgeklärt als vor Jahren. In Studien zeigt sich die wichtige Rolle der Sexualaufklärung beim Verhütungsverhalten. Auch das ist ein Verdienst der Pro Familia Sexualpädagogen, die mit den Schulklassen arbeiten.

Welche Veränderungen waren denn diesbezüglich für Sie in der Vergangenheit besonders positiv, welche vielleicht eher negativ?

ANDREA GÜRKE: Manchmal ist ein bisschen Wehmut beim Blick in die Vergangenheit dabei, denn in den Anfangsjahren kamen viele Frauen wegen gesundheitlichen und medizinischen Anliegen direkt zur Beratung. Heute recherchieren die Klienten solche Fragen erstmal im Netz. Für den Einzelnen ist das gut, denn es garantiert größere Selbstbestimmung und Sexualität ist längst aus der Schmuddelecke verschwunden. Aber die Art der Beratungsanfragen hat sich dadurch verändert. Insbesondere die sozialrechtlichen Fragen bei Schwangerschaften sind explosionsartig nach oben gegangen. Die Hebammenversorgung ist eine Katastrophe. Ein Kind zu bekommen, kommt vielen Paaren wie ein bürokratischer Hürdenlauf vor.

Also kann man aber nicht sagen, dass Sexualität und Schwangerschaftsabbruch mittlerweile wieder zu einem Tabu-Thema geworden sind?

ANDREA GÜRKE: Sexualität findet sich gerade in den Medien und im realen Leben in aller Vielfalt. Das hätte es vor 40 Jahren so nicht gegeben. Dennoch unterscheiden wir ganz klar, zwischen dem theoretischen Wissen über mögliche Sexualpraktiken und der Fähigkeit mit dem Partner über die eigenen Bedürfnisse konkret zu sprechen. Schwangerschaftsabbrüche sind bis heute ein Tabu. Selten sprechen Frauen oder Paare, die sich gegen das Fortsetzen der Schwangerschaft entscheiden, mit anderen darüber. An den Diskussionen rund um die Anzeigen gegen Ärzte, die Schwangerschaftsabbrüche durchführen und darüber informieren, merken wir, dass das Thema schnell weg von sachlicher Auseinandersetzung hin zu politischer Meinungsmache gebracht wird. Das Recht sich zu informieren sollte auch in diesem Bereich den Frauen zustehen.

Wenn Sie sich für Ihre weitere Arbeit in Rüsselsheim etwas wünschen könnten, was wäre das?

ANDREA GÜRKE: Wir sind mit unseren aktuellen angemieteten Räumen sehr zufrieden, dennoch träume ich manchmal von einem eigenen Beratungshaus oder Beratungscenter, in dem sich Klienten direkt von mehreren Institutionen beraten lassen können. Unten gäbe es ein Cafe“, in dem man sich für einen Flirt, für Schwangerenyoga oder zu einem harmoniserenden Kochkurs für zerstrittene Paare treffen könnte.

Zum Schluss: Gibt es Pläne für die nächsten 40 Jahre?

ANDREA GÜRKE: Ab 2019 wollen wir eine neue Stelle einrichten, in der sich homosexuelle oder transgender Jugendliche beraten lassen können. Eltern und Multiplikatoren können sich beraten und fortbilden. Solche Angebote gibt es bisher eher in den Großstädten, nicht hier vor Ort. In 40 Jahren? Vielleicht gibt es dann nur noch Cyberberatungen und man wird über Call-Center zu uns geleitet („wenn sie über Sexualität reden möchten, drücken Sie die 1, bei Schwangerschaft die 2…“). Dafür bin ich zu altmodisch, aber in 40 Jahren bin ich schon 94, da dürfte ich dann in Rente sein.

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