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Die ersten Besucher schauen sich die neuen Bilder im Rathaus an.

Kunst

Farbige Bilder für leere Wände

Die neuen Gemälde hätten sie schon gesehen, aber eigentlich noch nicht wahrgenommen, bedauern mehrere Rathausangestellte und verweisen auf ihren Berufsalltag. Umso intensiver muss sich ihr Chef damit befassen.

Im Rathaus gibt es seit wenigen Tagen eine neue Ausstellung. Künstlerin Anja Gensert zeigt eigene Gemälde von 13 Frauen und zwei Männern, die bei ihr Malunterricht nehmen. Die Mitarbeiter im Rathaus können sich aber erst nach und nach damit befassen. In den Stunden vor der Vernissage jedenfalls hatten sie dafür keine Muße. Dafür griff Bürgermeister Jan Fischer (CDU) zu Pinsel und Farbe.

Der Rathauschef solle nachvollziehen können, meinte Anja Gensert, was sie und ihre Kunstschüler auf die Leinwand gebracht haben. Fischer ließ sich nicht zweimal bitten, trug wie von Gensert angeraten zunächst mit einer Rolle Farbe auf, um diese mit Kleister und einer weiteren Schicht Farbe zu vermengen. Dann ging es ans Spachteln. Mit der dünnen Rückseite des Pinsels und einem breiteren Spachtel zog Fischer Linien, Striche und Formen aufs Papier.

Die Vorführungen bereiteten den rund 40 Teilnehmern bei der Ausstellungseröffnung sichtlich Vergnügen, wenngleich es fraglich sein dürfte, ob des Bürgermeisters abstraktes Motiv den Status eines Kunstwerks erlangen wird. Viel eher kann dies dem einen oder anderen Bild in den Rathausgängen bescheinigt werden. Von Genserts beinahe grafischer Darstellung der alten Mühle bis zu skurrilen Fratzenfiguren ist unter den 53 hängenden Werken alles Mögliche zu entdecken.

Die Kursteilnehmer hatten bei der Motivwahl freie Hand, erklärte Gensert. Es sei denn, sie spornte sie zu speziellen Übungen an, bei denen beispielsweise Bildnisse im Stil van Goghs entstanden sind. Nun finden sich düstere Arbeiten und freundliche Motive darunter. Gerade letztere sollen dem Rathaus wieder einen fröhlichen, bunten Charakter geben.

„Ich denke, das entfaltet mit der Zeit seine Wirkung“, sagt Kulturamtsleiterin Ingrid Rotter. Menschen, die im Rathaus etwas zu erledigen hätten und sich vor dem Bürgerbüro einen Moment gedulden müssten, bis sie an der Reihe sind, schauten sich solche Bilder sehr gerne an, beobachtete Rotter bei früheren Ausstellungen.

Anders sieht es, zumindest an dem Tag, an dem die Bilder aufgehängt werden, bei den Mitarbeitern aus. Mit Ausnahme von Rotter räumten gleich fünf Beschäftigte ein, dass sie noch gar keine Zeit gehabt hätten, die Exponate zu betrachten. Der Dienst gehe schließlich vor. Eine Mitarbeiterin bekannte, dass sie „nur im Vorübergehen einen Blick drauf geworfen habe“. Ihr Kommentar: „Was ich gesehen habe, hat mir auch gefallen.“ Sie werde sich noch Zeit nehmen, genauer drauf zu schauen, versicherte sie.

Das ist der Effekt, den sich der Bürgermeister, das Kulturamt, Gensert und die Kunstschüler wünschen. Das Rathaus will sich interessant und abwechslungsreich präsentieren, nicht nur mit geraden Gängen, von denen die Türen nach links und rechts in anonyme Amtsstuben abgehen. Rotter findet, „das ist auf jeden Fall eine Bereicherung“. Sei eine Ausstellung vorüber, merkten die meisten erst, dass etwas fehle.

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