Rüsselsheimer Zahlen über dem Bundesdurchschnitt

Fast jedes vierte Kind leidet unter Armut

Kinderarmut ist eines der Themen, für die sich das Rüsselsheimer Aktionsbündnis für soziale Gerechtigkeit seit seiner Gründung vor 20 Jahren einsetzt. Mit Heinz Hilgers, dem Präsident des Deutschen Kinderschutzbundes, hatte das Bündnis einen Fachmann zu einer Diskussionsrunde eingeladen.

„In Rüsselsheim waren im Dezember 2015 22,26 Prozent aller Kinder und Jugendlichen von Hartz IV abhängig, ein Viertel, wenn alle Sozial- und Transferleistungen einbezogen werden“, so die neuesten Zahlen in Rüsselsheim, wie sie in der Maizeitung des Aktionsbündnisses für soziale Gerechtigkeit zu finden sind. In Deutschland leben mehr als 2,5 Millionen Kinder in Einkommensarmut. Dies entspricht rund 19,4 Prozent aller Personen unter 18 Jahren. Das Ausmaß der Kinderarmut ist seit vielen Jahren gravierend hoch mit steigender Tendenz. Die Zahlen für Rüsselsheim liegen deutlich über dem Bundesdurchschnitt. Bernd Heyl vom Aktionsbündnis berichtete, dass durch die Arbeit des Bündnisses eine breite Diskussion auf den Weg gebracht werden konnte. In 2012 stellte die Politik einen Armutsbericht für Rüsselsheim, der jedoch nicht weitergeschrieben wurde. Daher fehlen detaillierte aktuelle Zahlen. Klar sei aber, dass die Kinderarmut zunehme.

Deutschlandweite Zahlen und Situationen gelten aber auch für Rüsselsheim. Hilgers sprach von einer Million Kindern, die bei arbeitslosen Eltern leben. Dies sei ein relativ konstanter Wert. Doch gebe es weitere 800 000 Kinder, deren Eltern einem Beruf nachgehen und dennoch aufstocken müssen, weil die Einnahmen nicht reichen. Diese Menschen gingen einer Beschäftigung nach, um ihre Ehre zu bewahren und den Kindern ein Vorbild zu sein, so Hilgers, der von drei Gruppen sprach, die von Kinderarmut betroffen seien.

Allein 70 Prozent fallen auf Alleinerziehende, dann gebe es noch die kinderreichen Familien, und als dritte Gruppe nannte er Migranten.

„Kinder sind in Deutschland oft ein Armutsrisiko für Familien“, so der Referent, „denn das frei verfügbare Einkommen einer Familie sinkt mit zunehmender Kinderzahl deutlich ab.“

Kritik übte Hilgers an der überbordenden Bürokratie, die Gelder verschlinge. Dinge wie Wertschätzung oder auch Hilfsbereitschaft blieben auf der Strecke. Ein ganz wichtiger Faktor, der viel stärker eingesetzt werden müsse, sei die aufsuchende Sozialarbeit. Jede Familie, deren Kind nicht die Kita besucht, sollte besucht und beraten werden. Weitere Stichworte seines Vortrags waren Hilfe zur Selbsthilfe oder auch die Existenz eines kommunalen Netzwerks.

Mareike Claus und Claudia Heyse vom Kinderschutzbund berichteten über das Projekt „Frühe Hilfen“ im Stadtteil Dicker Busch und wie wichtig es sei, den ersten Kontakt zu Familien im Idealfall noch vor der Geburt des ersten Kindes aufzubauen. Sei dies erst einmal gelungen, funktioniere die Zusammenarbeit sehr gut, da der Kinderschutzbund vor Ort Anlaufstelle bei vielen Fragen ist. Momentan gleiche die Arbeit eher einem Tropfen auf den heißen Stein. Es fehle an

Geld und Mitarbeiter

n. Klar sei jedoch, so Claus, wenn Eltern gestärkt würden, ginge dies automatisch auch auf deren Kinder über.

Einig waren sich die Referenten darin, dass Präventionsmaßnahmen sehr wichtig seien und daher stärker in diese investiert werden solle. Es sei sinnvoller, in Prävention zu investieren, als später viel Geld für die Inobhutnahme oder auch andere Maßnahmen in Schulen auszugeben. „Wir können es uns nicht leisten, nicht in Prävention zu investieren“, so Hilgers.

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