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Bunt ist schön: Matthias Roth, Valerie Rothe und Andrea Gürke (von links) setzen sich mit „queerformat“ für sexuelle Vielfalt ein.

Flagge zeigen für Selbstbestimmung

Pro Familia startet dreijähriges Projekt "queerformat" für junge Homo-, Bi-, Inter- und Transsexuelle

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Anderssein ist normal. Dafür, dass das akzeptiert wird – vom Umfeld wie von den Betroffenen selbst –, setzt sich Pro Familia mit dem neuen Projekt „queerformat“ ein.

Rüsselsheim - „Bin ich anders? Was heißt das überhaupt, anders? Und was denkt mein Umfeld darüber, dass ich anders bin?“ Wer sich mit sich selbst im Vergleich zu anderen Menschen auseinandersetzt, stellt sich früher oder später diese Fragen. Sie zu beantworten, fällt oft nicht leicht – vor allem, wenn sich der Fragende auf seine sexuelle Orientierung oder seine sexuelle Identität bezieht.

Dafür, dass homo-, bi-, trans- und intersexuelle Menschen bis 27 Jahre nicht alleine damit konfrontiert sein müssen, setzt sich der Kreisverband der Pro Familia seit 1. Januar 2019 aktiv mit dem Projekt „queerformat“ ein.

Ein starkes Thema

„Sexuelle Vielfalt ist ein starkes Thema, das uns hier in der Beratung beschäftigt, aber auch in der Politik immer wichtiger wird“, so Andrea Gürke, Leiterin der Rüsselsheimer Beratungsstelle. Im Kreistag sei daher Anfang 2018 eine eigene Beratung für Betroffene beschlossen worden, die Pro Familia jetzt realisieren konnte. Zwei neue Stellen wurden für das Projekt geschaffen, 20 000 Euro kostet es. 70 Prozent davon trägt die Aktion Mensch, die restlichen 30 Prozent stemmt Pro Familia selbst.

Verantwortlich für „queerformat“ zeichnen die Sozialpädagogin Heike Letmathe, die ab 1. März das Team unterstützt, und Matthias Roth, der viel Erfahrung in der Jugendarbeit mitbringt und selbst in der Queer-Community aktiv ist. „Wir sind die einzige Pro-Familia-Stelle in Hessen, die eine Beratung in dieser Form anbietet“, so Roth. Noch sei das Format ganz frisch, man sei gespannt, wie es sich entwickelt.

Konkret gibt es zwei Schwerpunkte in der Arbeit von Roth und Letmathe: Einerseits sollen vor allem Pädagogen – Lehrkräfte, Schulsozialarbeiter oder Erzieher – beraten und mit Fortbildungen für das Thema und den Umgang mit Jugendlichen geschult werden.

Zahlreiche Anfragen kämen bereits seitens der Schulen. „Viele sind überfordert und brauchen die externe Beratung“, weiß Gürke. Zuerst gehe man allgemein in die Klassen, um über sexuelle Vielfalt zu sprechen, es seien aber auch fallbezogene Einzelberatungen möglich.

Wenige Anfragen

In den letzten Jahren habe es sehr wenige Einzelanfragen gegeben, nur rund zehn pro Jahr. Wie viele Menschen die Mitarbeiter durch das Angebot erreichen, werde sich zeigen: „Es kommt auch etwas darauf an, inwieweit sich ein Jugendlicher persönlich anvertrauen will oder eher den Weg in die anonyme Szene, beispielsweise in Frankfurt, geht“, so Gürke. Auch den Eltern betroffener Kinder steht die Beratung offen.

Andererseits sollen mit „queerformat“ eigene Veranstaltungen etabliert werden, die Betroffene abholen und ansprechen. „Wir wollen ein queeres Netzwerk im Kreis errichten, einen diskriminierungsfreien Raum schaffen“, sagt Matthias Roth. Bisher habe man dafür immer außerhalb schauen müssen, etwa in den großstädtischen Ballungsräumen.

Derzeit analysiere man noch, wie hoch der Bedarf ist und wo man am besten die geplanten Angebote – beispielsweise ein queeres Kino – örtlich ansiedle, schließlich sei der Kreis sehr groß. In vielen Bereichen könne man sich auch ein Ergänzungsangebot vorstellen, auch Kooperationen sind angedacht. „Wir wollen nicht auf Biegen und Brechen Parties organisieren, wenn es anderswo schon sehr gute gibt“, nennt Roth ein Beispiel. Hier im Kreis gebe es aber einfach keinerlei Anlaufstelle für Betroffene, das müsse sich ändern.

Erhöhte Suizidrate

Dass das Thema in der heutigen Zeit immer noch mit Stigmatisierung und Inakzeptanz behaftet ist, ist für Gürke und Roth offensichtlich. Queere hätten eine stark erhöhte Suizidrate im Vergleich zu Heterosexuellen, auch seien sie öfter Opfer von Gewalt. In der täglichen Beratung werde deutlich: „Manche Schüler sind gnadenlos“, so Gürke. Auch der familiäre Hintergrund gestalte sich oft nicht leicht, sei es aus religiösen oder kulturellen Gründen. Gespannt, wie das Projekt anläuft, ist das Team allemal – und hofft jetzt schon auf eine Weiterführung nach den drei Jahren.

Info: Ein Begriff, viele Bedeutungen

Queer? „Der Begriff vereint alles, was nicht unter den klassischen Deckel passt“, sagt „queerformat“-Referent Matthias Roth.

Das schließt beispielsweise Personen ein, die sich zum gleichen oder zu beiden Geschlechtern hingezogen fühlen (sexuelle Orientierung), aber auch solche, die im falschen Körper stecken oder sowohl männliche als auch weibliche Geschlechtsmerkmale aufweisen (sexuelle Identität). Für Beratung zu dem Thema kann man sich an Matthias Roth unter (0 61 42) 1 21 42 sowie unter matthias.roth@ profamilia.de wenden. Weitere Infos zum Projekt unter www.profamilia- ruesselsheim.de.

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