+
Mit seiner Paella begeistert Pedro Sánchez regelmäßig die Gäste in seinem Restaurant.

Rüsselsheimer Gastronom

Vom Flughafen an den Herd

Der Wahl-Rüsselsheimer Pedro Sánchez bereichert im Casa Pedro die kulinarische Vielfalt der Stadt.

Von STELLA LORENZ

Dass man auch über Umwege ans Ziel kommt, ist bekannt. Bei Pedro Sánchez trifft dieser Spruch aber ganz besonders zu, wie sich im Gespräch herausstellt: Der Selfmade-Gastronom hat einen außergewöhnlichen Lebenslauf mit den verschiedensten Stationen. 1968 kam er, der zweitjüngste von fünf Brüdern, mit acht Jahren von Sevilla ins Rhein-Main-Gebiet. „Der Anfang in der Schule war schwer. Ich bin nicht der Beste gewesen, die Lehrer trauten mir wenig zu“, erzählt Sánchez. Aber alles, was er angeblich nicht konnte – Mathe, Musik – wurde später Teil seines Berufslebens.

Nach der Ausbildung zum Stahlbauschlosser lernt er 1978 zusätzlich das Handwerk des Luftverkehrskaufmanns am Frankfurter Flughafen. Innerhalb kurzer Zeit steigt er zum Verkaufsdirektor auf und geht schließlich berufsbedingt nach Köln. Als die dortige Firma verkauft wird, widmet sich Sánchez wieder der Musik. „Ich habe immer Musik gemacht, in völlig verschiedenen Genres.“ Nebenher sammelt der junge Pedro erste Gastronomieerfahrung mit Nebenjobs. „Kochkunst liegt zwar in der Familie, aber da war an ein eigenes Restaurant überhaupt nicht zu denken, außerdem zog es mich Anfang der 90er wieder nach Rüsselsheim zurück.“ Wieder wird der Flughafen sein Arbeitgeber, diesmal im Transport.

Dass Pedro Sánchez flexibel ist, nicht gern statisch und gebunden an eine einzige Arbeit, merkt man in seinen Erzählungen sofort – er liebt die Abwechslung und die Herausforderung, aber ganz besonders die Musik: „Als die Anfrage des Frankfurter Trance-Duos Jam & Spoon kam, als Musiker mit auf Tour zu kommen, sagte ich sofort zu.“ Nach vielen Jahren auf Tour und mit Produktions-Erfahrung im Gepäck nehmen dann auch eigene Projekte Gestalt an: Freiberuflich macht er mit seinen Brüdern Musik und wirkt bei internationalen Acts wie „Loona“ und „Café Del Mar“mit.

Nebenher unterstützt er als Allround-Berater viele Rüsselsheimer Gastronomie-Konzepte auf kulinarischer Ebene und kommt schließlich über einen aberwitzigen Zufall zu seiner Berufung. „Ein Freund hatte einen italienischen Koch für sein Restaurant in Wicker engagiert, der Laden war voll, aber der Italiener kam nicht. Kurzerhand wurde mir die Speisekarte in die Hand gedrückt: „Kannst du die Küche übernehmen?“ Und dann ging’s los.

Da der Italiener auch in den Tagen darauf nicht erscheint, wiederholt sich der große Erfolg des ersten Abends, und Pedro Sánchez kommt im wahrsten Sinne des Wortes auf den Geschmack. „Ich esse gerne, ich koche gerne – warum sollte ich das nicht mal beruflich machen?“ Als unbezahlter Praktikant steht er in den unterschiedlichsten Restaurant-Küchen, reist viel, verfeinert sein autodidaktisches Handwerk. Schließlich kocht er unter anderem für den Adler-Palast und die Rüsselsheimer Festung. Freunde kommen auf ihn zu, fragen, wann er sein eigenes Restaurant eröffnen will. Aber Sánchez ist unentschlossen bezüglich einer festen Bindung.

2012 spricht ihn Jürgen Gelis, der Vorstand des SC Opel, an: Ein bewirtschaftetes Clubhaus am Stadion ,Am Sommerdamm’ sei in Planung, ob Pedro Sánchez nicht Lust hätte? Als die Planungen im Winter 2014 fast fertig sind, muss er sich entscheiden. „Nach schlaflosen Nächten hatte ich mich schon fast dagegen entschieden, aber die wirklich fairen Konditionen und die Aussicht auf einen guten Start haben mich dann doch überzeugt.“ Gemeinsam mit seiner Frau Inken Sievers öffnet er im April 2015 die Türen zum Casa Pedro. Die Spezialität des Hauses: Pedros berühmte Paella. Das aus einer Not entstandene Gericht – eigentlich ein Resteessen aus dem spanischen Reisanbaugebiet Valencia – kennt kein Ur-Rezept. „Da hat jeder seinen eigenen Stil“, erklärt Sánchez, der seine Küche als „mediterran mit ein bisschen Crossover“ beschreibt. Er respektiere natürlich immer die Grundlagen, koche aber generell lieber mit persönlicher Note: „Ich schmecke das Gericht schon in Gedanken, bevor ich es zubereite. Kochen ist ein innovativer Prozess, das Essen muss sich entwickeln.“ Was er am Kochen mag, ist vor allem der experimentelle Charakter, dass auch ein unkonventionell erscheinendes Gericht einschlagen kann wie eine Bombe.

Dass das Casa Pedro ein voller Erfolg ist und die Gäste mit Tapas-Variationen und saisonalen Spezialitäten verwöhnt, hat sich mittlerweile herumgesprochen. Das Stigma eines Vereinsheims ist kein Thema, wenn man dort ist. Zwar sind auch 90 Prozent der Gäste vereinsfremd, der Bezug zum Verein ist aber hervorragend, und die gemeinsamen Zukunftsplanungen sprechen für eine große Vertrauensbasis. Mittlerweile ist auch Pedro Sánchez’ „Bindungsangst“ verflogen: „Ich bin zu 300 Prozent zufrieden – der Anfang war holprig, gestern habe ich nur drei Stunden geschlafen, aber Improvisation und Spontaneität zeichnen das Restaurant aus.“, sagt er und lacht. Nicht zuletzt ist auch besonders die Live-Musik an den Mittwochabenden ein Höhepunkt, an denen auch der Küchenchef schon mal zur Gitarre greift. „Kochen ist ja schließlich auch wie gute Musik“, erklärt Pedro Sánchez. „Man braucht super Zutaten und gutes Timing – und beides macht glücklich!“

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare