Krach

Fluglärmkommission fordert Auswertungen der Flugbewegungen

Hat der Fluglärm über Rüsselsheim seit vergangenem Sommer zugenommen? Ein neues Monitoring soll die zusätzliche Lärmbelastung offenlegen.

In Königstädten lärmt es gewaltig: Über den Dächer dröhnen Flugzeuge. Das ist schon seit einigen Jahren so. Doch haben die Bewohner die Vermutung, dass die Lärmbelastung seit vergangenem Sommer weiter zugenommen hat. Und diese Befürchtungen kommen offenbar nicht von ungefähr.

Am 20. Juli 2017 startete am Frankfurter Flughafen das sogenannte Required-Navigation-Performance-Verfahren (RNP 1) – ein System, das insbesondere schweren Flugzeugen das Fliegen von Kurven erleichtern soll. Abweichungen von festgelegten Routen sollen so vermieden werden.

Die Einführung des Systems wurde hauptsächlich deswegen angestoßen, weil regelmäßige Abweichungen der Südumfliegung durch schwere Flugzeuge beklagt wurden. Größere Maschinen, wie etwa die Boeing 747-8, hatten Probleme, die vorgegebene Route der Südumfliegung einzuhalten. Vor allem Mainz und Trebur wurden so durch zusätzlichen Fluglärm belastet. Die teils extremen Abweichungen der großen Flieger führten zudem dazu, dass eine gleichzeitige Nutzung der Center- und Südbahn sowie der Landebahn Nordwest nicht sicher war. Es bestand Kollisionsgefahr. Um diesem Missstand zu begegnen, wurde das RNP 1-System eingeführt. Es soll Piloten unterstützen, mit höherer Spurtreue zu fliegen, Lärm soll vermieden und Gefahr minimiert werden. Doch seit dieses System nun im vergangenen Sommer am Frankfurter Flughafen in den Probebetrieb gegangen ist, häufen sich die Beschwerden aus Königstädten. Was ist da los?

Entwickelt wurde das RNP 1-System von der Deutschen Flugsicherung (DFS) in Zusammenarbeit mit dem Frankfurter Flughafenbetreiber Fraport und der Lufthansa. Und genau darin könnte das Problem liegen: Die Flugsicherung überprüft lediglich die Spurentreue der Flieger. „Doch diese Flugspurtreue ist für uns erst mal zweitrangig“, sagt Reinhard Ebert, Bereichsleiter Natur- und Umweltschutz der Stadt Rüsselsheim. „Uns interessiert doch vor allem die Belastung für die Menschen.“

Die Stadt hat daher gestern bei der Fluglärmkommission einen Antrag eingebracht, der eine umfangreichere Berechnung und Messung des neuen Verfahrens vorsieht. Weitere Faktoren des Systems sollen berücksichtigt werden, nicht bloß die Flugspurtreue. Flughöhe, Geschwindigkeit und Landeklappenstellung seien für die Anwohner entscheidender als die Flugspurtreue, heißt es. Das aktuell laufende Monitoring sei nicht unbedingt im Sinne der Kommunen. Zudem bringt Ebert ein „kommunales Monitoring“ ins Spiel. Ein Raster soll herangezogen werden, um aufzuzeigen, wie die Siedlungsstruktur beschaffen ist, über die die Flugzeuge fliegen. Klar ist: Der neue Drehpunkt der Flugroute verläuft weiter im Westen als bisher – dies führt zu höherer Lärmbelastung in Königstädten. Die Lösung für die vom Fluglärm betroffenen Rüsselsheimer Stadtteile könnte daher durch eine Verschiebung des Abdrehpunktes nach Osten sein. Generell gilt: „Jeder weitere Meter, der zwischen Flugzeug und Ortschaft liegt, der zählt“, sagt Reinhard Ebert.

Das neue Monitoring dient dem Ziel, weitere Daten zu sammeln, um die mutmaßlich zunehmenden Lärm-Auswirkungen auf die betroffenen Gebiete aufzeigen. Gibt es diese Zahlen schwarz auf weiß, können nächste Schritte eingeleitet werden. Der Antrag wurde von der Kommission angenommen.

Nachdrückliche Unterstützung für diesen Antrag erhält Rüsselsheim auch vom Vorsitzenden der Fluglärmkommission, Thomas Jühe (SPD). Der Raunheimer Rathauschef sagt im Gespräch mit dieser Zeitung: „Wir treten alle für eine Dezimierung des Lärms ein.“ Zusätzliche Monitorings seien immer zu begrüßen.

Erstmals nahm gestern auch Marianne Flörsheimer (Linke / Liste Solidarität) an der Sitzung der Frankfurter Fluglärmkommission teil. Die just zur Lärmabwehr-Dezernentin ernannte 59-Jährige folgt auf den ehemaligen Rüsselsheimer Oberbürgermeister Patrick Burghardt (CDU).

Rund fünf Stunden dauerte die Sitzung, in der vor allem über das Maßnahmenprogramm Aktiver Schallschutz des Forums Flughafen und Region (FFR) diskutiert wurde. Das Programm enthält 17 Vorschläge aus vier Bereichen: Den Abstand zur Lärmquelle erhöhen, die Spurtreue verbessern, Siedlungszentren umfliegen und Rahmenbedingungen sowie Anreize. „Neben konkreten Einzelmaßnahmen enthält das Paket auch systematisch in die Zukunft gerichtete Initiativen, die dazu beitragen sollen, belästigenden und krank machenden Fluglärm der kommenden Generation zu ersparen“, heißt es in einer Erklärung. Doch geht vielen Kommunen der Maßnahmenkatalog nicht weit genug. „Der aktivste Schallschutz wäre es, Flugbewegungen zu reduzieren“, sagt Marianne Flörsheimer. Die 59-Jährige wird beizeiten in Rüsselsheim über die jüngsten Diskussionen in der Kommission berichten, kündigt sie an.

Patrick Burghardt war bisheriger Stellvertreter des Kommission-Chefs Thomas Jühe. Durch seine Abwahl als Rüsselsheimer Rathauschef musste er auch den Posten in der Fluglärmkommission quittieren. Als sein Nachfolger im Vorstand wurde der Bürgermeister der Gemeinde Nauheim, Jan Fischer (CDU), gewählt.

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