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Organisation ist alles: Anne-Trude Zieres bei der Terminplanung.

Portrait

Friseurin Anne-Trude Zieres: „Ich ertrage kein Unrecht“

Für Friseurmeisterin Anne-Trude Zieres ist Stillstand unerträglich. In ihrem sozialen Engagement und ihrer Arbeit im „Zweithaarstudio“ geht sie auch nach 55 Jahren immer noch voll auf.

Montagmorgen, das Telefon klingelt ununterbrochen. Anne-Trude Zieres rotiert in ihrem Wohnzimmer. Hier notiert sie einen Termin, da verschiebt sie einen anderen. Dann klingelt es an der Tür, eine Kundin möchte gern persönlich ein Treffen vereinbaren. Ein Bekannter aus der „Nachbarschaft Böllensee“ ruft an, um mit Zieres über die Filialschließung der Sparkasse zu sprechen. Kaum hat sie aufgelegt, klingelt das Telefon erneut.

„Nicht schon wieder“, stöhnt Zieres, aber man erkennt an ihrer Stimme, dass sie nicht genervt ist. Im Gegenteil: „Es ist so schön, gebraucht zu werden“, sagt sie. Seit 55 Jahren ist die Friseurmeisterin im Dienst, 50 Jahre davon ist sie auf Perücken spezialisiert.

Von einst drei Ladengeschäften in Rüsselsheim ist noch ein Studio geblieben. In ihrem Elternhaus empfängt sie auch mit 79 Jahren noch regelmäßig Kundschaft. „Zu mir kommen Menschen jeden Alters. Viele sind Chemo-Patienten, andere haben kreisrunden oder diffusen Haarausfall“, berichtet sie. Auch ein paar wenige Kinder seien unter den Betroffenen.

Für alle bietet Zieres eine individuelle Beratung zur richtigen Perücke an, oft betreut sie Kunden über mehrere Monate. „Wenn jemand Sorgen hat, ruft er an“, sagt sie. Auch die passenden Pflegeprodukte und Kopfbedeckungen hat sie vorrätig, darüberhinaus regelt sie alles Notwendige mit den Krankenkassen. Das zahlt sich aus, denn die Menschen kommen nicht nur aus dem Kreis, sondern aus Mainz, Frankfurt oder Taunus.

Manchmal gebe es schon Probleme: „Da lassen sich Leute hier beraten und kaufen dann trotzdem im Internet! Da kann ich wirklich sauer werden.“ Überhaupt liegt ihr Gerechtigkeit am Herzen, sie engagiert sich ehrenamtlich in zahlreichen sozialen Vereinen und betreibt die „Anne-Trude-Zieres-Stiftung“, die Behinderten und Schwerstkranken in Rüsselsheim zugutekommt.

„Ich kann alles ertragen, nur kein Unrecht und keine Hetze“, sagt Zieres. Sie vertritt ihre Meinung, ist auf Facebook aktiv und außergewöhnlich vernetzt. „Rüsselsheim ist meine Heimatstadt, mein Zuhause ist die Siedlung“, sagt sie. „Ich bin doch für meine Umwelt zuständig“, erklärt sie. „Das treibt mich an.“

An den Ruhestand kann sie deshalb noch nicht denken, obwohl ihr das eigene Alter mittlerweile bewusster wird. „Wir brauchen dich!“, diesen Satz hört sie oft von Bekannten und Kunden. „Solange man mich braucht, bin ich da“, sagt sie. „Ruhig sein fällt mir schwer, Stillstand ist schrecklich.“ Auch ihr Mann Alfons hat sich daran gewöhnt: „Sie braucht das“, sagt er lächelnd.

Und dann klingelt auch schon wieder das Telefon. Zieres schlägt den Kalender auf und zückt den Bleistift.

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