Ab 22. Februar kommen die jüngsten Schüler bis einschließlich Klasse sechs in den Wechselunterricht. Das heißt, dass ein Teil der Klasse vor Ort ist, während der andere Teil zu Hause bleibt. foto: dpa
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Ab 22. Februar kommen die jüngsten Schüler bis einschließlich Klasse sechs in den Wechselunterricht. Das heißt, dass ein Teil der Klasse vor Ort ist, während der andere Teil zu Hause bleibt.

Bildung

"Für uns Lehrer ein riesiger Spagat"

  • Alexander Seipp
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So läuft der Distanzunterricht an der Grundschule Königstädten.

Rüsselsheim -Morgens in die Schule gehen: Das ist für einen Großteil der Rüsselsheimer Kinder derzeit nicht möglich. Von zu Hause aus lernen sie im Distanzunterricht über Videokonferenzen alles, was sie sonst im Klassenzimmer erlernt hätten. Nicht immer läuft dabei alles reibungslos ab.

"Für uns Lehrer ist das ein riesiger Spagat", sagt Kristin Becker, Leiterin der Grundschule Königstädten. Denn zum einen müssen die Lehrer den Distanzunterricht durchführen, zum anderen auch die in der Schule im Präsenzunterricht anwesenden Kinder unterrichten.

Den Distanzunterricht über das Programm "BigBlueButton" übernehmen an der Grundschule Königstädten die Lehrer der Hauptfächer. "Meistens sind das dann die Klassenlehrer, vor allem in der Klasse eins und zwei". Zwar müssen diese auch Präsenzunterricht leiten, aufgrund der guten Personalsituation sei es aber möglich, sie zu entlasten, so die Schulleiterin. "Die enge Lehrer-Schüler-Bindung, die ja gerade an den Grundschulen wichtig ist, bleibt so erhalten."

Den Distanzunterricht leiten die Lehrer zum Großteil von zu Hause aus. "Wir haben hier im Haus dafür gar nicht genug Arbeitsplätze, und das Internet ist dafür auch bisher nicht ausreichend", sagt Becker. Erst in Kürze soll die Grundschule an das Glasfasernetz angeschlossen werden.

Von zu Hause aus unterrichten

Und trotzdem: Der Distanzunterricht läuft gut, berichtet die Schulleiterin. "Wir haben jeden Tag Videokonferenzen mit den Schülern, und es werden ganz verschiedene Lerntools genutzt." Gerade für Grundschulen, die man häufig bei der Digitalisierung etwas belächele, laufe es ausgezeichnet. "Manche Eltern haben sogar die Angst geäußert, dass wir zu viel digital machen."

Angst vor der Renaissance des Frontalunterrichts habe sie nicht. "In dem Programm können wir ja kleine Lernräume schaffen, so sind auch Gruppenarbeiten sehr gut möglich". Der Lehrer könne dann von Raum zu Raum springen und dort Fragen der Schüler beantworten.

Bedenken, dass schwache Schüler in Vergessenheit geraten, gibt es nicht. "Die Lehrer haben das sehr gut im Blick", sagt Becker. So finden täglich Gespräche und Telefonate zwischen Lehrern, Schülern und Eltern statt. "Wenn die Eltern die Betreuung nicht hinbekommen, raten wir auch dazu, dass sie ihr Kind dann doch lieber in den Präsenzunterricht schicken." Der finde zwar nicht im gewohnten Klassenumfeld und meistens auch mit anderen Lehrern statt, aber dort hätten diese ein besseres Auge auf die förderbedürftigen Schüler.

Auch für die Lehrer sei es alles andere als einfach. "Wir können zwar die Kinder sehen, aber nicht immer das, was sie tun." Das klassische Über-die-Schulter-Schauen gehe digital eben nicht. "Wir behelfen uns damit, dass alle Schüler ihre Aufgaben am Freitag in eine Box am Haupteingang legen", erklärt Becker den Vorgang.

"Über das Wochenende korrigieren wir dann die Aufgaben, damit wir am Montag eine Rückmeldung geben können." Es sei eben deutlich mehr Aufwand als normaler Unterricht.

Doch es gibt immer zwei Seiten der Medaille. Wie erleben die Schüler den Heimunterricht? Eine, die es wissen muss, ist Sonja Jakob. Ihre beiden Söhne besuchen die Grundschule Königstädten. Bisher hat sie nur Positives zu berichten. "Die Wissensvermittlung funktioniert sehr gut", sagt Jakob. Die Lehrer seien bei Rückfragen für ihre Söhne gut zu erreichen, große Lücken befürchtet sie nicht.

Die Freunde fehlen

"Schule ist aber eben nicht nur Wissensvermittlung, sondern auch ein sozialer Raum", erklärt sie. Gerade die Diskussionen mit Freunden, das gemeinsame Spielen auf dem Schulhof - das alles fehle ihnen sehr. "Sie wissen aber auch, dass es derzeit nicht anders geht." Mit dem Distanzunterricht seien ihre Söhne trotzdem sehr zufrieden.

"Beide haben Lernpläne, die sie im Laufe der Woche abarbeiten. Es gibt regelmäßige Videokonferenzen für Deutsch, Mathe und Sachkunde, Englisch je nach Interesse." Features von "BigBlueButton", wie ein digitales Schwarzes Brett zum Anheften von Fotos von Kunstprojekten, würden von den Kindern intensiv genutzt. "Normalerweise würden die Bilder ja an der Wand des Klassenzimmers hängen, nun wird es eben digital gemacht."

Doch Nachteile habe der Distanzunterricht definitiv. "Immer wieder stürzt das Programm ab oder ist überlastet", so Jakob. Die Bildübertragung, etwa durch Webcams, funktioniere auch nicht immer.

Dieses Problem sieht auch Schulleiterin Becker. "Uns ist auch klar: Anders geht es eben derzeit nicht." Und bis wieder regulärer Präsenzunterricht stattfinden kann, wird es wohl noch einige Zeit dauern.

Immerhin weiß man seit gestern: Ab 22. Februar kommen die jüngsten Schüler bis einschließlich Klasse sechs in den Wechselunterricht. Das heißt, dass ein Teil der Klasse vor Ort ist, während der andere Teil zu Hause bleibt. Von Alexander Seipp

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