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Kunst der tausend Fäden

So funktioniert ein Webstuhl

Im Stadt- und Industriemuseum zeigt Heike Galemann die Kunst des Webens an einem Musterwebstuhl: Tausende Fäden verwirkt sie mit farbenfrohen „Schussfäden“ aus dem „Schiffchen“ behände und gleichmäßig zu einem großen bunten Wandbehang.

„Weben ist für mich Meditation“, sagt Heike Galemann. Sie sitzt im Ausstellungsraum des Stadt- und Industriemuseums am großen hölzernen Webstuhl, um Kindern die Kunst der tausend Fäden vorzuführen.

In der Mitmach-Ausstellung „Gib Stoff“, die sich der Textilgeschichte widmet, ist Heike Galemann die Fachfrau fürs Weben. „Mehr als 30 000 Jahre gibt’s das Weben schon. Es ist eines der ältesten Handwerke, das aufkam, als Menschen sesshaft wurden und Faserpflanzen anbauten“, sagt Galemann, während die hölzernen Wippen („Pferde“), angebunden an die Fußpedale des Webstuhls, klappernd auf und ab gehen. Rhythmisch hebt und senkt Galemann mit den vier Pedalen die Musterschäfte, über die die naturfarbenen Kettfäden laufen. Das Schiffchen, in dem der bunte Schussfaden sitzt, führt Heike Galemann mit ruhiger Hand zwischen den Kettfäden hindurch, zieht mit beiden Händen den großen Kamm zu sich hin, um das Gewebe fest zusammenzufügen.

All dies wirkt leicht, die Fäden scheinen fast von selbst zu laufen, die Handgriffe der Weberin sind schlafwandlerisch. Indes: Weben ist eine Kunst. Das erkennt jeder, dem die Raunheimerin das Handwerk vorführt. Schier unglaublich, zu bedenken, dass die Arbeit der Weber vom Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert nur Hungerlöhne einbrachte.

Geduld und Feingefühl sind beim Weben gefragt

„Aufwendig sind vor allem die Vorplanungen. Ist der Webstuhl erst eingerichtet, folgt für mich die meditative Phase“, so Galemann. Die Fadenkette in exakt bemessener Länge auf den Schärbaum aufzubringen, bevor sie auf den Kettbaum am Webstuhl gebäumt wird, all dies braucht Geduld und Feingefühl. Herrlich ist es, wenn das Schiffchen dann ruhig hin- und hergeht und Reihe um Reihe ein Gewebe aus tausend feinen Fäden entsteht. Da klappern die Pedale und die hölzernen Wippen, da scheint es, als sei Weben ein Kinderspiel.

Galemann lacht: „Ein kleines Kind lernt laufen. Dann erst fängt es an zu rennen. So ist es auch beim Weben. Am großen Webstuhl sehen Kinder mir im Museum zu und stellen viele Fragen, aber üben können sie besser an Handwebrahmen, die übrigens heute in Schulen wieder beliebt sind.“ Solch einen „Webrahmen to go“ habe sie stets dabei, sagt Heike Galemann. „Darauf entwickle ich neue Muster.“

Jedes Gewebe, das sie fertigt, hat ein ureigenes Gepräge: „Die Bindungsart ergibt sich unter anderem daraus, wie viele Kettfäden ich mit dem Schussfaden überspanne oder auch aus den Verlagerungen des Schussfadens in die nächsten Reihen.“ Wir nicken bedächtig und staunen, sehen dem gleichmäßig klappernden Handwerk zu.

Hüte aus Rüsselsheim

Zum Handweben lädt die Weberin vierzehntägig dienstagnachmittags auch ins Haus unter den Linden in Raunheim ein, Einzelunterricht am Webstuhl gibt sie in ihrem Atelier. Christian Bihn, Mitarbeiter des Stadtmuseums, merkt an, dass das Weberhandwerk früher mehr nördlich des Mains zu Hause gewesen sei, in Flörsheim etwa gab es eine Gardinenweberei. „In Rüsselsheim waren stattdessen Filz- und Hutmacher ansässig.“

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