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Gerda Lerner war Pionierin der Frauengeschichtsschreibung.

Ausstellung in Rüsselsheim

Gerda Lerner - Pionierin der Frauengeschichtsschreibung

Inspirierend: Die Stiftung Alte Synagoge zeigte im Rahmenprogramm zur Ausstellung „Nichts war vergeblich“ (Frauen im Widerstand gegen die Nazis) einen Film zu Leben und Werk der Jüdin Gerda Lerner, einer Pionierin der Frauengeschichtsschreibung.

Warum kommen Frauen in der offiziellen Geschichtsschreibung nicht vor? Wie sieht Geschichte aus, wenn sie aus Frauensicht geschrieben wird? Das waren zentrale Fragen, die Gerda Lerner (1920 – 2013) umtrieben, und die dazu führten, dass sie als Professorin zur Pionierin der Frauengeschichtsschreibung wurde. „Die Geschichte der Frauen wurde bislang nie lückenlos erzählt. Niemand hat uns je irgendwas gegeben. 72 Jahre Basisarbeit brauchte es, um das Frauenwahlrecht durchzusetzen“, sagt sie in dem 2016 publizierten Film der Filmemacherin Renata Keller, die sich Jahre vor dem Tod dieser bahnbrechenden, feministischen Historikerin mit ihr zu Gesprächen traf.

Jetzt war der Film „Warum Frauen Berge besteigen sollten“ im Kulturzentrum „Rind“ zu sehen. „Jeden Gipfel erreicht man, indem man einen Schritt nach dem anderen tut, in tausendfachen Wiederholungen und tausenden scheinbar aussichtslosen Bewegungen“, sagt Gerda Lerner darin. Der Film stand im Programm zur Ausstellung über widerständische Frauen des Nationalsozialismus, die dank des Frankfurter Studienkreises „Deutscher Widerstand 1933 – 1945“ in der Stadtbücherei gezeigt wird. „Wir rücken Frauen in den Fokus“, erklärte Elke Möller von der Stiftung Alte Synagoge, die bei der Ausstellung Kooperationspartner ist.

Vor 25 Besuchern des Filmabends sagte sie: „An Frauen nicht als Opfer sondern als Handelnde zu erinnern, ist unser Anliegen. So boten wir auch einen Rundgang auf den Spuren der Autorin Anna Seghers durch Mainz an. Dass wir heute Gerda Lerner vorstellen, die über die eigene Leidensgeschichte hinaus gegen Diskriminierung gekämpft hat, – von Frauen, von verfolgten Kommunisten, von Juden, von Schwarzen – passt ins Konzept.“

Im durchweg weiblichen Publikum herrschte Spannung, das Leben und Denken einer Frau kennenzulernen, deren Bücher über die Entstehung des Patriarchats sowie über die Entstehung des weiblichen Bewusstseins 1993 und 1995 als revolutionäre Publikationen auch in deutscher Sprache vorlagen. „Ich bin sehr interessiert, bin selbst Feministin“, sagte Kristin Jeteler, eine junge Frau in Reihe eins, die mit ihren 35 Jahren eine Urenkelin der Historikerin sein könnte. Die alte Dame dann in ungebrochener Courage auf der Filmleinwand erleben zu können, war beflügelnd.

1920 wurde Gerda Hedwig Kronstein als Tochter einer jüdischen Familie in Wien geboren. Es waren die Jahre nach dem fanatisch bejubelten Anschluss Österreichs an Nazideutschland, über die zu sprechen, ihr am schwersten fiel. „Für den Rest von uns war dies ein Begräbnis. Ich hasse es, diese Geschichte zu erzählen“, so Gerda Lerner. Denn: „Alles, was mit den Toten unerledigt geblieben ist, bleibt für den Rest unseres Lebens in uns.“

Fünf Wochen lang wurde die 18-Jährige von den Nazis inhaftiert – nicht aufgrund ihrer linkspolitischen Aktivität, sondern als Geißel, um ihres Vaters Robert Kronstein habhaft zu werden, der geflohen war. Gerda Lerner bezeichnet die Erfahrung der Haft als das prägendste Ereignis für ihr Leben. 1939 emigriert sie in die USA, nutzt fortan die amerikanische Sprache, nie wieder die deutsche, von der sie gar behauptet, sie habe sie verlernt. Auch der Film behält den Originalton Lerners (1941 heiratete sie den Filmcutter Carl Lerner) bei, ist mit Untertiteln versehen.

Gebannt erfuhren die Zuschauer vom Wirken Lerners, die einen unerschütterlichen Blick für Ungerechtigkeit hatte und sich stark machte für alle, die keine eigene Sprache haben. „Das Patriarchat kann nicht existieren ohne Hierarchie und ohne ,die Anderen’. Darum müssen wir Rassenhass und Frauenhass zugleich bekämpfen“, so Gerda Lerner.

Weitere Veranstaltungen zur Ausstellung „Nichts war vergeblich“: 25. November, Workshop gegen Stammtischparolen, Alte Synagoge, 10 bis 17 Uhr; 17. Januar, Filmvorführung im „Rind“: „Die Geträumten“, ein Film von Ruth Beckermann, der auf dem Briefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan basiert.

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