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Die Geschichten der Flucht

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Von: Melanie Pratsch

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Inge Besgen will mit ihrem Projekt für Verständnis werben und die Menschen zeigen, die ihre Heimat aufgeben mussten.
Inge Besgen will mit ihrem Projekt für Verständnis werben und die Menschen zeigen, die ihre Heimat aufgeben mussten. © Charlotte Martin

Die Rüsselsheimer Künstlerin Inge Besgen hat ein Kunstprojekt mit Flüchtlingen ins Leben gerufen. Im kommenden Jahr sollen die Werke, die ganz persönliche Geschichten der Flucht erzählen, in einer Ausstellung gezeigt werden.

Rüsselsheim. Es waren die Bilder im Fernsehen, die in Inge Besgen den Gedanke reifen ließen, ein Kunstprojekt mit Flüchtlingen ins Leben zu rufen. Seit September hat die Rüsselsheimer Künstlerin mit 13 Bewohnern in den Flüchtlingsunterkünften Königstädten, Flörsheimer Weg und Bauschheim gearbeitet. Im Mittelpunkt der kreativen Arbeit standen die Gedanken der Flüchtlinge zu ihrer Flucht, von der Vorbereitung über die Wege nach Deutschland bis hin zur Ankunft in Rüsselsheim. Sowohl schriftlich als auch in Zeichnungen sollten die Erlebnisse auf weißen Hartfaserplatten festgehalten werden.

Das Ergebnis sind 14 Tafeln, auf denen die Flüchtlinge ihre Erfahrungen niedergeschrieben haben. Darauf stehen Erlebnisberichte, denen etwas gelingen könnte, was meist dann auf der Strecke bleibt, wenn angesichts der grausamen Ereignisse nicht die passenden Worte gefunden werden: Den Menschen hierzulande mitzuteilen, was die Flüchtlinge bewegt hat, ihrer Heimat den Rücken zu kehren, um in Deutschland ganz neu anzufangen.

Hilfe der

Sozialarbeiter

Um die Teilnehmer für ihr Kunstprojekt zu finden, hat Inge Besgen die Sozialarbeiter in den Rüsselsheimer Asylunterkünften darum gebeten, den Kontakt zu Flüchtlingen unterschiedlicher Herkunft herzustellen. Frauen und junge Männer aus Pakistan, Syrien, Afghanistan, Eritrea und Äthiopien waren bereit, die Geschichte ihrer Flucht zu diesem Kunstprojekt beizutragen. Jeder von ihnen bekam eine Hartfaserplatte sowie Stifte von der Künstlerin zur Verfügung gestellt, die zur gemeinsamen Arbeit an dem Projekt in die Unterkünfte kam. Unterstützung erhielt Inge Besgen dabei von den Betreuern und von Übersetzern, die den Flüchtlingen ihre Idee vorstellten. „Ich habe keine Vorgaben gemacht, jeder durfte in seiner Muttersprache und in seinem Dialekt schreiben.“

Die Menschen

erst nehmen

Besonders fasziniert war die Künstlerin, mit welch einer Freude die Flüchtlinge an die kreative Arbeit gegangen seien. „Ich glaube, es ist am wichtigsten, dass sich die Menschen ernst genommen fühlen“, erklärt Besgen, die so manche berührende Geschichte im Laufe des Projekts mitbekommen hat. „Es herrscht immer noch so ungeheures Heimweh und so viel Traurigkeit in den Unterkünften“, berichtet Besgen und erzählt von dem jungen Mann, der seine Familie zurückgelassen hat, um Frau und Kindern die Strapazen der Flucht nicht zuzumuten. „Niemand verlässt gerne seine Heimat“, gibt die Rüsselsheimerin zu bedenken, die sich noch gut daran erinnern kann, wie nach dem Zweiten Weltkrieg die Flüchtlinge nach Deutschland gekommen sind.

„Was heute vielen in Deutschland leider fehlt, sind Respekt und Achtung den Menschen gegenüber, die Ungeheures auf sich genommen haben, um die Kriegsgebiete in ihrer Heimat hinter sich zu lassen“, so Besgen. Nicht zuletzt deshalb habe sie mit ihrem Kunstprojekt den Flüchtlingen zeigen wollen, dass sie in Rüsselsheim ernst genommen werden – mit all ihren Sorgen und Nöten und ihren Erfahrungen, die sie mit nach Deutschland bringen.

Ängste

abbauen

Zugleich hofft sie, mit ihrem Kunstprojekt auch Ängste auf beiden Seiten abbauen zu können. „Achtung und Verständnis kann hier auf beiden Seiten wachsen“, sagt Besgen. Im kommenden Jahr – der genaue Zeitpunkt steht noch nicht fest – können sich die Rüsselsheimer ein Bild von den Fluchtgeschichten machen, wenn die Berichte der Flüchtlinge auf den 14 Tafeln in die deutsche Sprache übersetzt sind und in einer Ausstellung zu sehen sein werden.

Dabei bleiben die Flüchtlinge anonym: Am Ende jeder Tafel wird eine Abkürzung des Namens, das Herkunftsland, das Datum seiner Ankunft in Deutschland und das Alter des Flüchtlings stehen – und eines verrät Inge Besgen schon jetzt: „Die meisten Flüchtlinge haben das Kunstprojekt genutzt, um etwas zurückzugeben – die Worte ,Danke, Deutschland’ sind sehr oft auf den Tafeln zu lesen.“

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