Rüsselsheim - Nanu - wo bitte geht es hier zum Kunstwerk? Ich bin schon vorbeigelaufen, ehe ich merke, dass die kleine Kammer am Eingang der Opelvillen gemeint ist, in der sonst Mäntel und Jacken an den Haken geworfen werden. Die Garderobe ist leer, der Blick wandert nach unten. In der Ecke glänzt es golden. Lauter niedliche Päckchen sitzen da. Einzeln in Folie verpackt. So sorgsam zu einem Haufen drapiert, dass man doch neugierig wird.
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Rüsselsheim - Nanu - wo bitte geht es hier zum Kunstwerk? Ich bin schon vorbeigelaufen, ehe ich merke, dass die kleine Kammer am Eingang der Opelvillen gemeint ist, in der sonst Mäntel und Jacken an den Haken geworfen werden. Die Garderobe ist leer, der Blick wandert nach unten. In der Ecke glänzt es golden. Lauter niedliche Päckchen sitzen da. Einzeln in Folie verpackt. So sorgsam zu einem Haufen drapiert, dass man doch neugierig wird.

Kunst

Das Glück ist zum Greifen nah

  • Olaf Kern
    vonOlaf Kern
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Frohe Botschaften für die Opelvillen und ihre Besucher.Die Ausstellung zu kubanischer Kunst wird für einige Wochen um ein international bedeutendes Werk erweitert. So wie es sein Erschaffer Felix Gonzalez-Torres einst dachte, darf sich sogar jeder ein Stück davon mitnehmen.Moment mal, wie war das?

Rüsselsheim – Nanu - wo bitte geht es hier zum Kunstwerk? Ich bin schon vorbeigelaufen, ehe ich merke, dass die kleine Kammer am Eingang der Opelvillen gemeint ist, in der sonst Mäntel und Jacken an den Haken geworfen werden. Die Garderobe ist leer, der Blick wandert nach unten. In der Ecke glänzt es golden. Lauter niedliche Päckchen sitzen da. Einzeln in Folie verpackt. So sorgsam zu einem Haufen drapiert, dass man doch neugierig wird.

Vorsichtig trete ich näher. Die Pupillen stellen auf scharf: Es sind stinknormale Glückskekse, so wie es sie beim Chinesen um die Ecke gibt. Es müssen Hunderte sein. Vielleicht der Wochenvorrat eines Imbiss? Etwa falsch abgegeben und vom Lieferanten einfach da gelassen?

Es ist so gewollt

Ist das Kunst oder kann das weg, sagt man doch in solchen Fällen. Wer fragt, bekommt die Antwort: Es darfsogar weg. Tatsächlich kann sich jeder Opelvillen-Besucher einen von diesen vielen Glückskeksen mitnehmen.

So war es gewollt von Felix Gonzalez-Torres, dem 1996 verstorbenen Erschaffer dieses Werks "Untitled" (Fortune Cookie Corner) aus dem Jahr 1990. Also traue ich mich und stecke ganz offiziell ein Stück Kunst aus einem Ausstellungsraum ein. Bei welchem anderem Kunstwerk kann man das schon machen?

Gleichzeitig denke ich darüber nach, dass ja der Haufen irgendwann verschwinden wird, wenn es jeder so macht.

Was passiert dann mit der Kunst, wenn sie aufgegessen ist? Die Gedanken beginnen zu kreisen.

Wirklich weg ist sie ja nicht, überlege ich. Sie verschwindet vielleicht materiell. Aber immerhin lebt sie in meinem Gedanken weiter, während das kleine Kunstwerk-Ding mich in meiner Hosentasche daran erinnert, wie vergänglich doch alles ist. Die Kunst. Das Leben. Der Moment. Noch dazu, wenn man um das Schicksal von Felix Gonzalez-Torres weiß, der im Alter von 38 Jahren an den Folgen von Aids starb. Viel Zeit blieb ihm nicht.

Ein Netz aus Fragen

Trotzdem spannte er sein Netz aus Fragen auf, das immer noch verfängt, ja geradezu teuflisch aktuell ist, und zwar überall auf der Erde, weil zu seinen Lebzeiten wie auch heute wieder ein Virus die Welt in Atem hält.

Und wie wir es trotzdem immer wieder schaffen, das Glück in den Händen zu halten, sei es auch nur in Form eines Gebäcks mit einem Spruch drin, der aber mit Verheißung aufgeladen ist.

Mein Kopf schwirrt. Was so ein Keks doch alles bewirken kann. Tröstlich, dass es vermutlich anderen genauso gehen wird.

Installation noch bis 5. Juli zu sehen

Schrittweise eröffnen die Opelvillen wieder ihre Ausstellungsräume. Die Ausstellung „Liebesgrüße aus Havanna, Zeitgenössische kubanische Kunst im internationalen Kontext“ wird bis 20. September verlängert. Es gelten erweiterte Öffnungszeiten im Juni: an Samstagen von 14 bis 18 Uhr und an Sonntagen von 10 bis 18 Uhr sowie an Feiertagen von 10 bis 18 Uhr. Dazu ist temporär die Installation „Untitled“ (Fortune Cookie Corner), 1990 von Felix Gonzalez-Torres ab sofort bis 5. Juli zu sehen. Möglich wurde dies durch Dr. Mario Kramer (Bild), Sammlungsleiter und Kurator am Museum für Moderne Kunst in Frankfurt, der neben 999 weiteren Personen von Andrea Rosen, der Nachlassvertreterin des 1996 verstorbenen Künstlers, zur Teilnahme eingeladen wurde und die Opelvillen als Ort für die Installation auswählte. Neben der Wiederaufnahme von Führungen am Samstag, 6. Juni um 14 Uhr, gibt es im Garten unter dem Motto „Schleuse / Labor ausgelagert“ Arbeiten von Nachwuchskünstlern aus der Region. Dazu das Konzert „Cuban X Crossover“ des kubanischen Gitarristen Alfredo Hechavarria am Sonntag, 14. Juni, um 15 Uhr auf der Mainterrasse.

 Von Olaf Kern

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