So sieht die Schrebergartenidylle an der Anlage am Rüsselsheimer Krankenhaus aus. FoTos: Rüdiger Koslowski
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So sieht die Schrebergartenidylle an der Anlage am Rüsselsheimer Krankenhaus aus. FoTos: Rüdiger Koslowski

Freizeit

Grüne Parzelle in Rüsselsheim statt Urlaub

Kein eigener Garten, keine Terrasse, nicht einmal ein Balkon: In der Krisenzeit mit den Einschränkungen kommen viele auf die Idee, einen Kleingarten zu pachten. Doch das ist nicht einfach, denn die Wartelisten sind sehr lang.

Rüsselsheim-Die Rasensprenger surren um die Wette. Die Rasenmäher brummen über die Grashalme. Vögel zwitschern in den Bäumen, und die Hollywoodschaukel schwingt durch die Luft. Hier schneiden fleißige Gärtner ihre Hecken, dort stutzen sie ihre Weinreben. Die perfekte Schrebergartenidylle präsentiert sich dem Besucher in der Anlage am Krankenhaus.

Das herrliche Wetter lädt ein, sich in seinem Garten nützlich zu machen oder einfach nur zu faulenzen. Wohl dem, der einen Garten zur Verfügung hat. Das wurde besonderes während des Lockdowns wegen des Coronavirus deutlich. Es gab zwar keine komplette Ausgangssperre, aber Familien mit Wohnungen nur mit Balkon oder gar ohne Balkon fühlten sich durchaus eingeschränkt.

Ralf Zuck ist kommissarischer Vorsitzender des Schrebergartenvereins Rüsselsheim. Peter Gießer will sich bei der nächsten Jahreshauptversammlung oder außerordentlichen Mitgliederversammlung zur Wahl stellen.

"Es hat sich ganz viel getan in den letzten zwei Monaten", stellt Zuck fest. 70 Anfragen pro Jahr seien üblich. Jetzt habe er allein im April 100 Anfragen per E-Mail und unzählige per Telefon erhalten.

Zuck sieht einen engen Zusammenhang mit der Corona-Krise. Die Spielplätze seien gesperrt gewesen, die Leute wollten raus, sich entspannen, vielleicht aber auch körperlich arbeiten.

Immer mehr junge Familien

Bei den meisten Bewerbern handle es sich um Familien und um Menschen im Mietverhältnis. Das Durchschnittsalter der Bewerber liege zwischen 30 und 40 Jahren. Aktuell betrage das Durchschnittsalter der Pächter 56 bis 57 Jahre. Es gebe aber bereits einen großen Anteil junger Familien.

Gießer betrachtet die jüngeren Pächter durchaus kritisch. Denn sie seien nicht so stark am Vereinsleben interessiert. Der Verein bestehe aber aus der Gemeinschaft, die Pächter sollten sich im Vereinsleben einbringen und auch Ämter übernehmen.

Manch ein interessierter Bewerber habe ohnehin nicht die Gartenarbeit, sondern private Feiern im Blick. Der Vorstand kläre die Interessenten bei den Bewerbungsgesprächen auf. Zurückgezogen habe daraufhin aber noch nie jemand.

Die im Durchschnitt 300 Quadratmeter großen Parzellen müssen zu je einem Drittel als Nutz-, Zier- und Freizeitgarten verwendet werden. Zuck ist es aber lieber, dass die Gärten ordentlich gepflegt sind, als dass auf die strikte Einhaltung der Drittelteilung geachtet werde.

262 Gärten in Rüsselsheim

Der Schrebergartenverein verwaltet sieben Anlagen mit 262 Gärten in Rüsselsheim und seinen Stadtteilen. Die Interessenten können sich keine große Hoffnung machen. Mal ganz abgesehen davon, dass neue Gärten immer erst im Herbst vergeben werden, liegen derzeit erst vier Kündigungen vor. Zudem gibt es noch fünf ungenutzte Gärten, bei denen der Zeitraum der Freigabe ungewiss ist.

Für die Vergabe wird die Warteliste herangezogen, die derzeit mehr als 150 Namen aufführt. Hinzu kommt aber auch, wie viel Abstand der Bewerber bezahlen möchte. Nicht zu vergessen ist die Entscheidungshoheit des Vorstandes.

Gießer hat seinen Garten seit zwei Jahren. Seine Einstellung wurde von seinen Eltern geprägt, die 30 Jahre einen Schrebergarten ohne Strom und Wasser bewirtschafteten. Er sei in Altersteilzeit, wolle an der frischen Luft sein und habe Freude am Vereinsleben, nennt der 62-Jährige das Interesse an einem Garten.

Wie wichtig das Vereinsleben und die gegenseitige Hilfe in einer Schrebergartenanlage ist, zeigt Ali-Kaner Kesser, der Marlies Golab und ihrem Sohn beim Heckenscheiden behilflich ist. Er erhielt ebenfalls vor zwei Jahren einen Garten. Bei einer Wohnung mit Balkon sei er in den vergangenen Wochen froh gewesen, einen Garten zu haben, denn er war in Kurzarbeit. "Ohne Garten wäre ich verrückt geworden", sagt er.

Golab hat ihren Garten bereits seit mehr als 20 Jahren. Sie lebt in den gleichen Wohnverhältnissen wie Kaner. Deshalb war auch sie froh, hinaus in ihren Garten zu können. Manche werden wohl auch den Urlaub hier verbringen.

Denis Schäfer, Vater von zwei Kindern, erhielt im vergangenen Jahr den Zuspruch. Für den Sommer, für die Kinder, um an der frischen Luft zu sein, habe er seinen Garten, sagt er. Er habe bisher normal gearbeitet, sei aber dennoch häufig im Garten gewesen. Rüdiger Koslowski

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