Glücksschweine: Bei Jörg Thomas dürfen die Tiere frei leben. FOTOS: CARMEN ERLENBACH
+
Glücksschweine: Bei Jörg Thomas dürfen die Tiere frei leben. FOTOS: CARMEN ERLENBACH

Sattelschweine in Groß-Gerau

Grunzende Glücksbringer

  • vonCarmen Erlenbach
    schließen

Auf dem Hof von Inge Thomas in Dornheim leben derzeit etwa 70 Ferkel. Sie führen ein glückliches Leben unter freiem Himmel.

Vierblättrige Kleeblätter, Schornsteinfeger und Fliegenpilze – was haben die Menschen aus der Region zum Jahreswechsel nicht alles als Glücksbringer auserkoren. Niedliche Schweinchen nicht zu vergessen. Landwirtin Inge Thomas und ihr Sohn Jörg haben gleich 70 davon.

Die Besonderheit dieser Zucht und Haltung in Dornheim: Die grunzenden Glücksschweinchen sind laut den beiden Landwirten in keinen Stall gesperrt. Sie lebten vielmehr auf einem 12 000 Quadratmeter großen Grundstück in freier Natur. Das wirke sich, ebenso wie das gute Futter, positiv auf die Qualität des Fleisches aus.

Über Weihnachten und den Jahreswechsel hatten die Wutzchen kein Leid vom Schlachter zu befürchten. Denn in dieser Zeit bezieht sich die Nachfrage nach Fleisch im Hofladen Thomas lediglich auf Geflügel wie Gänse, Enten, Puten und Hähnchen, welche die Familie ebenfalls auf freiem Feld hält.

Neugierig drückt ein etwa eineinhalb Jahre altes und mehr als 100 Kilogramm schweres Sattelschwein seine schwarze Schnauze vor das Objektiv der Kamera. Die Sau inspiziert jeden Eindringling genau, denn sie ist alles andere als ein zahmes Haustier und verteidigt ihren siebenköpfigen Nachwuchs mit den großen dunklen Augen und kleinen, hübschen Ringelschwänzen. Die Schnauze von Mama Wutz schnüffelt nach rechts und links, und sie grunzt vorsichtshalber einmal respekteinflößend, um klarzumachen, wer hier das Sagen hat.

In dieser kalten Jahreszeit hat sie ihre kleinen Glücksschweinchen im Stall geboren. Wie einst die Wildschweine, bereitet sie sorgfältig ein kuscheliges Nest aus frischem Stroh und bettet sich darin auf der Seite, um die Ferkel zu säugen. In Reih und Glied hängen sie schmatzend an den Zitzen, und ab und zu balgen sich die Kleinen quiekend um die besten Plätze.

Bei diesen Tieren, die Familie Thomas seit vier Jahren hält, lässt sich wahrhaft von Glücksschweinen sprechen. Sie entspringen einer vom Aussterben bedrohten Haustierrasse und sind überwiegend schwarz, aber auch mal von rosa Farbtönen gezeichnet. Sattelschweine heißen sie, weil sie oft einen schwarzen Fleck in Form eines Sattels auf dem Rücken tragen. Die Tiere können im Sommer wie im Winter im Freiland leben. Sie vermehren sich selbstständig ohne jeglichen Zwang und ferkeln ohne die Hilfe eines Tierarztes.

Zurzeit beherbergt Familie Thomas vier Muttersauen und einen Eber, von dem der gesamte Nachwuchs abstammt. Die Jungen werden acht bis zehn Wochen von ihrer Mutter gesäugt. In einem konventionellen Stall dagegen, so die Landwirte, in dem jedes Schwein weniger als einen Quadratmeter zur Verfügung habe, würden die Jungen nur drei Wochen gesäugt.

Die Jungtiere der Familie Thomas haben eine Lebenserwartung von einem Jahr, in dem sie langsam ihr Schlachtgewicht von etwa 100 Kilogramm erreichen. In einem konventionellen Zuchtgatter geschieht das laut Inge Thomas binnen nur drei Monaten. Deshalb sei dieses Fleisch, das in Supermärkten und Discountern angeboten werde, zuweilen auch zäh und wässrig. Das Fleisch ihrer frei lebende Schweine sei aromatischer und von feinen Fettäderchen marmoriert.

Zu diesem Leckerbissen trage das gute Futter bei, das die Schweine von Familie Thomas erhalten, etwa selbst angebautes Getreide, als Eiweißträger Ackerbohnen, nur gentechnikfreies Schrot, frischen Mais im Sommer sowie Silomais und Zuckerrüben im Winter. Keines der Tiere werde gemästet.

„Solange Verbraucher Fleisch zu Discounterpreisen haben wollen, können die Tiere nicht artgerecht gehalten werden“, so Inge Thomas. Ihre Länderei sei die einzige im Umkreis von mehr als 50 Kilometern, auf der die Tiere eine artgerechte Freilandhaltung genießen – das Geflügel sogar auf mehr als 70 000 Quadratmetern.

Freilich vermarktet Inge Thomas ihre Tiere nicht nur, sie hegt auch Emotionen für sie. Ab und zu, wenn es Mama Wutz zulässt, knuddelt sie auch mal ein Ferkelchen. Doch zu eng darf die Bindung zu den Tieren nicht werden, denn immerhin ist ihr Ende vorbestimmt.

Ein glückliches Leben führten die Schweinchen dennoch, weil sie täglich mit bestem Futter und frischem Stroh versorgt würden und nicht eingesperrt seien, weil sie miteinander nach Herzenslust spielen und toben könnten und ihre Lebenserwartung weit über der eines Artgenossen in konventioneller Haltung liege. „Wenn meine Schweine glücklich sind, bin ich es auch“, so Inge Thomas. Als Landwirtin gebe ihr das Glück ihrer Tiere dauerhaft ein gutes Gefühl – nicht nur für das neue Jahr.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare