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Kapelle Petra (von links): Sänger und Gitarrist Guido Scholz, Bassist Rainer Siepmann (?der tägliche Siepe?), Bühnenskulptur ?Gazelle? und Schlagzeuger Markus ?Ficken? Schmidt.

Kapelle-Petra-Frontmann

Guido Scholz: Alles andere als eine „Kackband“

Partyhüte aus Pappe sind ihr Markenzeichen. Millionen Menschen haben im Internet ihre humvorvollen Musikvideos gesehen. Doch auch durch feine Melodien und clevere Texte zeichnen sich die Indie-Rocker von Kapelle Petra aus Hamm aus. Am Freitag spielen sie im Rüsselsheimer „Rind“. Echo-Redakteur Sven Westbrock hat vorab mit Sänger Guido Scholz alias „Opa“ gesprochen.

Euer aktuelles Album trägt den skurillen Namen „The Underforgotten Table“. Was hat es damit auf sich?

GUIDO SCHOLZ: Wir saßen abends auf ein Bier bei unserem Schlagzeuger zusammen. Mit dabei war auch ein Kumpel, der schon etwas die „Lampe an“ hatte. Er kam nicht auf den Namen des U2-Albums „The Unforgettable Fire“. Bald behauptete er ernsthaft, die Platte heißt „The Underforgotten Table“. Da haben wir uns gedacht, irgendwann machen wir mal ein Album, das wirklich so heißt.

Auf der Scheibe finden sich ungewohnt ernste Texte. Ihr teilt zum Beispiel deutlich gegen Rechts aus. Ist es dem rauer werdenden gesellschaftlichen Klima geschuldet, dass selbst eine Gute-Laune-Kapelle wie ihr sich mit solchen politischen Themen befasst?

SCHOLZ: Wir werden niemals eine Polit-Band sein. Auch wollen wir nicht auf irgendeinen Zug aufspringen, um unsere Popularität zu steigern. Sondern wir haben einfach innerlich so einen Hass auf diese Situation, dass es auch mal erlaubt sein muss, so etwas zu sagen, ohne gleich als besonders politisch zu gelten. Früher schon haben wir in unseren Liedern humorvoll verpackt gesellschaftliche Missstände kritisiert. Es ist ja auch nicht so, dass unsere Musik eine Karnevalsnummer wäre.

Ein Musikmagazin sah das vor zwei Jahren allerdings anders. Die „Visions“ kürte euch zur „Kackband des Jahres“. Hat euch das getroffen?

SCHOLZ: Das fanden wir eigentlich eher lustig. Wir haben es dann auch mit Humor genommen und uns den Titel selbst gegeben. „Kackband des Jahres“ ist zwar ein vernichtendes Urteil, aber hört sich trotzdem irgendwie nett an. Wenn man sich dann selbst nicht ganz so ernst nimmt, lässt es sich gut damit leben.

Als Band gibt es euch seit genau 20 Jahren. Ungewöhnlich ist, dass ihr erst 2012 entschieden habt, euch voll auf die Musik zu konzentrieren. Wie groß war der Sprung zum Profi?

SCHOLZ: Ich habe zuvor ein Internat geleitet. Eigentlich ist es bescheuert, so eine gute und sichere Stelle aufzugeben. Bei uns allen war die Liebe zur Musik aber so groß, dass wir das Gefühl hatten, unglücklich zu werden, wenn wir es nicht probieren. Emotional war der Sprung riesig, für uns als Band war er aber gar nicht so groß, eben weil wir schon seit 20 Jahren Musik machen.

Fühlt ihr euch jetzt mehr unter Druck gesetzt?

SCHOLZ: Ja, klar. Um Geld zu verdienen, müssen wir viele Konzerte spielen. Alle zwei bis drei Jahre kommt ein Album dazu, um im Geschäft zu bleiben. Aber es bleibt der geilste Job der Welt.

Viele Bands, die über einige Achtungserfolge nicht hinaus kommen, lösen sich auf, wenn es kommerziell nicht klappt. Warum hat es bei euch letztlich doch noch funktioniert?

SCHOLZ: Für uns besteht der kommerzielle Erfolg darin, dass wir von unserer Musik leben können. Dafür mussten wir unsere Ansprüche aber stark herunterschrauben. Wir kommen gerade so über die Runden. Entscheidend ist, dass uns unsere Arbeit großen Spaß macht.

Für eure Konzerte leistet ihr euch den Luxus einer lebenden Bühnenskulptur, die meist nur rumsitzt. Wie ist Gazelle zur Band gestoßen?

SCHOLZ: Er war eigentlich unser erster Bassist. Doch schon nach der ersten Probe war klar, dass seine Talente woanders liegen. So ist aus ihm stattdessen die Bühnenskulptur geworden.

Im Internet habt ihr es längst zu Klick-Millionären gebracht. Das Video zu einem eurer größten Hits wurde auf Youtube fast drei Millionen Mal geklickt. Jetzt haben sich die Verantwortlichen dort auf eine Vergütung für die Künstler geeinigt. Werdet ihr davon profitieren?

SCHOLZ: Ich habe deshalb sofort bei unserem Verlag angerufen. Dort haben sie mich erst einmal wieder auf den Boden der Tatsachen geholt. Denn noch sind die Details geheim. Niemand weiß genau, wie die Gelder verrechnet werden. Ich bin gespannt, wie sich das entwickelt. Zu viel darf man aber nicht erwarten. Die Erlöse, die wir zum Beispiel von Spotify bekommen, sind verschwindend gering. Unser Kerngeschäft bleiben also Konzerte.

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