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Der Datterich (Wolfgang Müller) in seinem natürlichen Habitat: Dem Wirtshaus. Die Blicke von Wirtsdame Lisette (Anita Maul) deuten an: Mit seiner Zahlungsmoral macht er sich nicht nur Freunde.

Hessischer Humor im breiten Dialekt

Die Darsteller sprechen den Dialekt auch im Alltag, und das Stück begeisterte: Der Datterich war auf der Bühne im Eigenheim zu Gast.

Von JAN STICH

Er kann es einfach nicht lassen: Vor 17 Jahren hatte der damalige Geinsheimer Pfarrer Walter Ullrich schon einmal den Datterich inszeniert, damals mit seinem Kirchenvorstand. Am Wochenende kehrte er mit dem Datterich nach Trebur zurück. Die bei ihrer Premiere am Kühkopf gefeierte Inszenierung füllte das Eigenheim.

Anlässlich des 200. Geburtstag des Darmstädter Theaterdichters Ernst Elias Niebergall wurde viel über die Sprache seines berühmtesten Stücks geschrieben. Doch Ullrichs Datterich begeisterte schon, bevor der erste Darsteller nur seinen Mund aufmachte. Mit prächtigen Kostümen und einem raffinierten Bühnenbau ließ die Gruppe das Darmstadt des 19. Jahrhunderts wiederauferstehen. Konterkariert wurde die strenge Kleidung der Darsteller von deren lockeren Zungen.

Ullrich hatte sich für diese Datterich-Inszenierung ein Laienensemble zusammengestellt:„Es war mir wichtig, dass die Darsteller den Dialekt nicht nur kennen, sondern auch im Alltag sprechen. Sonst fehlt die Sprachmelodie, und auf die kommt es an.“ Bei all dem hessischen Gebabbel fühlte sich mancher Zuschauer richtig heimisch auf der Bühne. Oder wie es im Stück an einer Stelle heißt: „Da geht einem des Herz uff wie en Krebbel“.

Die Sprache des Datterich lebe in Südhessen auf der Straße fort, ist Pfarrer Ulrich überzeugt. Doch nicht jeder Treburer scheint in dieser Straße zu leben. Hinter vorgehaltener Hand gestand mancher in der ersten Pause: „Einen Teil versteh’ ich nicht.“ Die Handlung kam zwar bei jedem rüber, aber immer wieder gab es diese Szenen, bei denen die eine Hälfte des Publikums begeistert lachte und die andere rätselte. Doch selbst die, die wenig verstanden, waren sich einig: Wolfgang Müller als Datterich ist eine Wucht. Mit seinem Spiel hielt er das ganze Stück zusammen. Es scheint wohl auch einfach etwas Gewöhnung nötig zu sein: In der zweiten Pause hatten die Zuschauer schon weniger zu fragen. Doch auch wenn die Sprache nicht mehr aktuell sein mag, gerade als historisches Dokument seiner Zeit ist der Datterich spannend anzusehen.

Auffällig sind die vielen französischen Begriffe in der Sprache der damaligen Darmstädter. Das Trottoir ist heute noch allgemein bekannt, doch mit Adieu, gesprochen Adschee, verabschieden sich heute nur noch wenige. Neben ihren Worten, haben die französischen Soldaten den deutschen Fürstentümern damals auch den Patriotismus mitgebracht. Und so sinnieren die Figuren des Datterich in ihrem französisch angehauchten Hessisch über deutsche Tugenden und Hermann den Cherusker. „Man muss das in seiner Zeit lesen“, gab Pfarrer Ulrich zu bedenken.

Immer wieder nutzte er die Umbaupausen, um sein Stück zu erklären. „Mit aktuellen Ereignissen hat das nichts zu tun, aber wir haben uns dagegen entschieden, das zu verändern.“

Im Grunde ist der Datterich ein enger Verwandter eines literarischen Zeitgenossen aus Frankfurt: Dem Struwwelpeter. In Literatur und Theater verständigte sich das aufstrebende Bürgertum damals über seine Werte, und Datterich und Struwwelpeter gaben die abschreckenden Beispiele. Wer die Haare wachsen lässt wie Struwwelpeter oder die Schulden aufhäuft wie der Datterich, dem geht es schlecht. Und weil diese bürgerlichen Werte noch heute hoch im Kurs sind, wird der Datterich auch dann verstanden, wenn seine Sprache einem hier und da Rätsel aufgibt.

So gab es nicht nur am Ende, sondern auch zwischen den Szenen immer wieder großen Applaus. „Es soll weitergehen“, kündigte Pfarrer Ulrich an. Viele aus dem Ensemble würden gern weiterspielen, „und der Niebergall hat ja noch ein zweites Stück geschrieben. Daran wollen wir uns als Nächstes wagen.“ Es lohnt sich also, die historischen Hessischkenntnisse auch weiterhin ein bisschen aufzupolieren.

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