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Ihr Sohn Oliver starb an Leukämie, danach gründete Anita Waldmann die Leukämiehilfe Rhein-Main in Rüsselsheim.

Leukämie

Hilfe nach der Schockdiagnose

1991 gründete Anita Waldmann in Rüsselsheim die Leukämiehilfe Rhein-Main. Damit blickt die Initiative auf ihr 25-jähriges Bestehen zurück. Wichtigstes Ziel ist die Information des Patienten und seiner Angehörigen.

Von RALPH KEIM

Leukämie! Als der frühere Bundesaußenminister Guido Westerwelle starb, wurde der breiten Öffentlichkeit wieder einmal klar, welch tückische Krankheit den Menschen heimsuchen kann. Westerwelle war nach monatelanger Chemotherapie mit anschließender Stammzellentransplantation scheinbar halbwegs genesen, erlitt jedoch im vergangenen Jahr einen Rückschlag. Am 18. März erlag der FDP-Politiker im Alter von 54 Jahren den Folgen einer akuten myeloischen Leukämie.

Myeloische Leukämie, lymphatische Leukämie, Monozytenleukämie, Plasmazellenleukämie – für Anita Waldmann sind diese medizinischen Begriffe keine böhmischen Dörfer. Die 69 Jahre alte Rüsselsheimerin musste sich aus privaten Gründen schon vor knapp 30 Jahren damit beschäftigen. Denn damals erkrankte ihr Sohn Oliver als junger Mann an akuter lymphatischer Leukämie, der er schließlich erlag. „Damals haben wir im Rüsselsheimer Stadtpark Aktionen veranstaltet, um einen Spender für eine Knochenmark-Transplantation vornehmen zu können“, erzählt die gebürtige Bremerhavenerin, die seit 1976 in Rüsselsheim lebt.

Damals musste die Mutter eines todkranken jungen Erwachsenen eines feststellen: Der Betroffene wird zunächst mit einer Schockdiagnose konfrontiert. Erklärungen und verständliche Erläuterungen bleiben dagegen meist auf der Strecke. Als sich 1991 innerhalb einer Gesundheitswoche in Rüsselsheim Leukämiepatienten und deren Angehörige trafen, ergriff Waldmann die Initiative und gründete eine Selbsthilfegruppe.

 

„Im Gegensatz zu Kindern müssen sich leukämiekranke Erwachsene existenzielle Fragen von großer Bedeutung stellen“, erläutert Anita Waldmann und nennt als Beispiel die berufliche Zukunft und selbstverständlich die Zukunft der Familie. Aus gelegentlichen Treffen und Aktionen wurden regelmäßige

Stammtische

, erste Informationsblätter und schließlich offiziell die Leukämiehilfe Rhein-Main (LHRM), die bald die Gemeinnützigkeit anerkannt bekam und der Anita Waldmanns noch immer als Vorsitzende vorsteht. Ihr Sohn verlor den Kampf gegen die Leukämie, doch seine Mutter setzt sich noch immer für die Interessen der Betroffenen und deren Angehörigen ein.

Wer in die LHRM-Geschäftsstelle in der Haßlocher Straße 118 kommt, dem fällt als erstes das breite Angebot an Informationsbroschüren auf, die die LHRM selbstverständlich nicht alle selbst verfasst hat. „Knochenmarks-Transplantation – Der lange Weg danach“, geschrieben von einer Patientin, ist ein gutes Beispiel, wie wichtig Informationen aus erster Hand sind. Denn Barbara Döring beschreibt sehr detailliert und emotional, dass nach einer Knochenmarks-Transplantation der Kampf noch lange nicht vorbei ist, vielleicht sogar erst beginnt. „Es ist ein Alltag, der zumindest in den ersten Jahren nicht mit dem normalen Leben verglichen werden kann“, beschreibt sie.

Für Anita Waldmann ist Barbara Dörings Erfahrungsbericht ein löbliches Beispiel, wie Betroffene sinnvoll informiert werden können: eben ohne medizinische Fachbegriffe, dafür aus der Sicht einer Frau, die ein normales Leben geführt hat, bis sie im Alter von 44 Jahren die Diagnose erhielt, an chronisch myeloischer Leukämie erkrankt zu sein. Anita Waldmann hat inzwischen einen Blog eingerichtet, in dem Betroffene ihre Erfahrungen schreiben können und der über das Internet eine große Zahl von Interessierten erreicht.

Rund 4500 Kontakte verzeichnet die Leukämiehilfe jährlich auf konventionellem Weg über Beratungsgespräche am Telefon oder in der Geschäftsstelle. Hinzu kommen vier bis fünf Veranstaltungen im Jahr, meist in Kooperation mit anderen Institutionen, beispielsweise am 16. April beim Patiententag des „Universitären Centrums für Tumorerkrankungen“ in Mainz.

Anita Waldmann ist längst in der ganzen Welt unterwegs und besucht Kongresse und Informationstage. Außerdem gründete sie im Rahmen ihres Engagements für die Leukämiehilfe Rhein-Main etliche weitere, bundesweit aktive Initiativen. 1995 zählte sie zu den Mitbegründern der Deutschen Leukämie-Hilfe. 1997 gründete sie in Rüsselsheim die Selbsthilfe-Arbeitsgemeinschaft, der selbstverständlich die LHRM angehört. Für dieses mittlerweile knapp drei Jahrzehnte währende Engagement hat sie bereits zahlreiche Auszeichnungen erhalten. Ob und wie die LHRM das 25-jährige Bestehen feiert, ist noch unklar. Denn der Vorstand ist derzeit krankheitsbedingt erheblich eingeschränkt.

Weitere Informationen gibt es im Internet unter .

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