Alkohol

So hilft dieser Rüsselsheimer suchtkranken Menschen

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Heute wird weltweit der Anti-Drogen-Tag begangen. Legale Substanzen wie Alkohol werden häufig unterschätzt. Welche Gefahr vom Trinken ausgehen kann, zeigt das Beispiel des Rüsselsheimers Hermann Bürgermeister.

Nach einer Flasche Wodka und drei Flaschen Wein wären die meisten Menschen tot. Ungefähr 13 Jahre ist es her, da brauchte Hermann Bürgermeister so viel Alkohol, um über den Tag zu kommen.

Der Fernmeldetechniker aus Rüsselsheim war gerade in den Ruhestand verabschiedet worden und hatte die Trennung von seiner Frau hinter sich. Die hatte bereits in den 90er-Jahren damit gedroht, ihn wegen seiner Alkoholsucht zu verlassen und die beiden Töchter mitzunehmen.

Daraufhin absolvierte Bürgermeister seine erste Therapie. Anschließend blieb er zehn Jahre trocken. Aber fühlte er sich in dieser Zeit ohne den Alkohol unwohl, sodass er rückfällig wurde, nachdem seine Beziehung dann doch in die Brüche ging.

Wenn sein eigener Kühlschrank am Wochenende leer war, brach Bürgermeister auch schon mal in den Keller der Nachbarin ein, um deren Sekt zu klauen. „Später habe ich ihr wieder welchen hingestellt, damit niemand es merkt“, erzählt er bei einem Latte Macchiato im Busch Café.

Zum Alkohol kam Bürgermeister während der Ausbildung. „Wenn ich etwas getrunken hatte, wurde ich selbstbewusster gegenüber meinem Chef“, blickt er zurück.

Im Jahr 2005 hielt sein Körper die Sauferei nicht mehr aus. Eines morgens fiel er einfach um. Als er mittags wieder zu sich kam, klingelte er bei einem Nachbarn und bat ihn, einen Krankenwagen zu rufen. Dabei konnte er sich verständlich ausdrücken und gerade gehen. Als man ihm später in der Klinik Blut abnahm, wurde darin nichtsdestotrotz eine Alkoholkonzentration von 2,7 Promille gemessen.

Initiiert von den Vereinten Nationen, wird heute der internationale Anti-Drogen-Tag begangen. Laut der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung sterben allein in Deutschland jährlich rund 1300 Menschen durch illegale Drogen. Dazu zählt die Zentrale jährlich noch etwa 150 000 Todesfälle durch Tabak- und Alkoholkonsum.

Aus dem Rathaus heißt es, der missbräuchliche Konsum legaler Drogen habe in der Öffentlichkeit stark abgenommen, insbesondere in der Innenstadt. „Das Ordnungsamt hat hierzu aktuell keine Beschwerdelage“, sagt ein Sprecher.

Belastbare Statistiken zum Alkoholkonsum in Rüsselsheim gibt es aber nicht. Und eines ist sicher: Nur weil es sich bei Alkohol um eine legale Droge handelt, ist sie nicht weniger gefährlich.

Hermann Bürgermeister ist trocken seit dem Tag, an dem sein Nachbar ihm einen Krankenwagen rufen musste. Gegen die Sucht halfen ihm ein stationärer Klinikaufenthalt, eine ambulante Sucht-Therapie und nicht zuletzt regelmäßige Besuche beim Kreuzbund. Als größter deutscher Sucht-Selbsthilfeverband bietet die Organisation Betroffenen und Angehörigen Unterstützung.

Um anderen dabei zu helfen, ebenfalls vom Alkohol loszukommen, leitet Bürgermeister inzwischen selbst zwei Gruppen beim Kreuzbund. Insgesamt besuchen in Rüsselsheim etwa 50 Menschen die Gruppenstunden. Nicht alle sind Alkoholiker. Auch Tablettenabhängige und Spielsüchtige sind dabei. „Wir sind offen für alle“, betont Bürgermeister.

Suchtkranke seien getriebene Menschen. Das ganze Denken drehe sich nur noch um den Alkohol. Doch wo genau die Abhängigkeit anfängt, sei ganz schwer zu sagen. „Ich würde mir nie anmaßen, jemandem zu sagen, dass er suchtkrank ist“, sagt Bürgermeister, runzelt die Stirn und trinkt seinen Kaffee aus. Das müsse jeder für sich selbst entscheiden.

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