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Mit einem Lächeln geht alles besser: Heilerziehungspflegerin Lisa-Marie Glenz steigt an heiklen Stellen kurzerhand auf den Rollstuhl von Antonio Barrera Lara und manövriert ihn sicher zwischen den Hindernissen hindurch.

Barrierefreiheit in Rüsselsheim

Rollstuhlfahrer haben es nicht leicht, Antonio Barrera Lara nimmt die Hindernisse mit Humor

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Wie barrierefrei ist die Stadt? Welchen Hindernissen sehen sich Beeinträchtigte ausgesetzt? Wir waren mit Antonio Barrera Lara unterwegs, der im Rollstuhl sitzt.

Antonio Barrera Lara kichert. „Oh nee!“, ruft er, als er den engen Gang in der Drogerie vor sich sieht, der zur Feierabendzeit voller Menschen ist. Dicht hinter ihm läuft Lisa-Marie Glenz. Sie ist Heilerziehungspflegerin (HEP) in der Wohnstätte Herta Max, in der Barrera Lara wohnt. Der 54-Jährige ist mehrfach beeinträchtigt, kann weder seine Beine noch den linken Arm bewegen.

Wie barrierefrei ist die Stadt? Welchen Hindernissen sehen sich Beeinträchtigte ausgesetzt? Wir waren mit Antonio Barrera Lara unterwegs, der im Rollstuhl sitzt.

Auf den elektrischen Rollstuhl ist er angewiesen. „Ohne geht’s nicht“, sagt er. Mit ist es aber manchmal auch nicht leicht, zum Beispiel in der Innenstadt. „Immer freitags ist Antonio mit seinem Betreuer in der Stadt unterwegs“, erzählt Glenz. Dann kauft sich Musik-Fan Barrera Lara CDs.

Durch den Gang bis ganz hinten zum CD-Regal geht es geradeaus ganz gut, die Türen sind breit genug, die Menschen im Laden verständnisvoll. Heikel wird es erst im Bereich der Kasse: Die Schlange ist lang, die Durchgänge sind schmal. Lisa-Marie Glenz steigt kurzerhand hinten auf den Rollstuhl auf und lenkt Antonio und sich selbst aus dem Geschäft. Auch bei Volksbank und Sparkasse sei ein Durchkommen problemlos möglich. Bei anderen Geschäften werde es wortwörtlich eng.

„Einmal haben wir bei Tedi einen Stuhl und ein paar Euro-Paletten mitgeschleift“, erzählt Glenz. Antonio Barrera Lara lacht. Größtenteils nimmt er es mit Humor. Manchmal verzweifle man als Betreuer aber schon. „Wenn die Rampe zu steil ist und ich ihn im normalen Rollstuhl schiebe, schaffe ich das nicht allein“, sagt sie. Glücklicherweise seien die Passanten oft hilfsbereit.

Rücksichtslos: Autos in der Fußgängerzone

Problemlos: Die ebenerdige Volksbank-Filiale mit den großen Türen ist für Barrera Lara zugänglich.

„Die Situation mit den Autos in der Fußgängerzone sollte dringend geändert werden“, sagt Glenz. In der Löwenstraße zwischen Europaplatz und Parkhaus führen und stünden ständig Autos, es gebe keinerlei Rücksicht.

„Es gibt zu wenige Kontrollen“, so die junge Pflegerin. Für sinnvoll hält sie Durchfahrtsbarrieren in Form von Schranken oder Pollern. „Wir müssen teilweise Angst haben, dass einer der Bewohner umgemäht wird.“

Was kulturelle Unternehmungen für Beeinträchtigte angeht, lobt sie das Projekt „Stadtmuseum Inklusive“, das bis 2018 gelaufen ist und eventuell als Modellprojekt fortgeführt werden soll. „Das ist super, da freut sich wirklich jeder!“ Dass bei vielen Außenveranstaltungen, wie den Mainland Games, zu hohe Kabelbrücken den Zugang verhindern, sei ärgerlich. „Öffentliche Veranstaltungen müssen für jeden zugänglich gemacht werden“, plädiert sie.

Nektaria Safi, Mitglied im Ausländerbeirat und im Vorstand des Griechischen Vereins, sieht unter anderem bei Kultur 123 Verbesserungsbedarf. Ihr Sohn sitzt im Rollstuhl, der Verein nutzt die Räumlichkeiten am Treff. „Eine Behindertentoilette gibt es nicht, die normalen haben zwei Stufen am Eingang“, bemängelt sie.

Eckhard Kunze, Leiter von Kultur 123, kennt das Problem, derzeit werden die Räumlichkeiten allesamt überprüft. „Wir arbeiten daran, herauszufinden, was man kurzfristig tun kann“, so Kunze. Während das Theater weitgehend barrierefrei ist und in der Bücherei sogar zwei große, nach Geschlechtern getrennte barrierefreie Toiletten sind, gibt es an den VHS-Standorten noch einiges zu tun.

Gut ausgestattet sei man indes für Außenveranstaltungen: „Wir haben eine Hebebühne, die auch schwere Rollstühle tragen kann“, erzählt Kunze. „Außerdem gibt es seit dem Hessentag eine schiefe Ebene, über die Beeinträchtigte selbst auf die Hebebühne fahren können.“ Für die Begutachtung der Räumlichkeiten erwarte man bis Mitte Februar Rückmeldung, so Kunze.

Problem mit dem ÖPNV - Nutzung ist eine Herausforderung

Auch die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel sei manchmal eine Herausforderung. Einmal sei ihr Sohn nicht befördert worden, weil zwei Mütter mit Kinderwagen schon im Bus waren. Aus Angst vor einer erneuten Zurückweisung fahre ihr Sohn nun nicht mehr mit den Öffentlichen. Ähnliche Erfahrungen hat auch Lisa-Marie Glenz mit den Bewohnern gemacht. Einmal habe der Zugführer über die Sprechanlage gefragt, wieso das mit der Rampe so lange dauere, ob man denn „behindert“ sei? Ein unmögliches Verhalten, findet Glenz. „Leider schreiben sich viele Inklusion auf die Fahne, und dann mangelt es an der Umsetzung“, sagt sie bedauernd.

Insgesamt habe sie aber schon das Gefühl, dass die meisten Menschen offener geworden sind. „Viele sind hilfsbereit“, sagt sie. Ein bisschen mehr Entgegenkommen seitens der Stadt wünsche sie sich aber in jedem Fall.

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