Kommunalwahl

„Ich bin in der Stadt zu Hause“

Die Überraschung ist der SPD gelungen. Der Ortsverein hat Sanaa Boukayeo an die Spitze seiner Kommunalwahlliste gesetzt – eine Frau, die bislang öffentlich kaum in Erscheinung getreten ist und auch noch nie in einem kommunalen Gremium saß.

Von HEIDE NOLL

Gut gerüstet für die Mitwirkung im Stadtparlament fühlt sich die 27 Jahre alte Sanaa Boukayeo, auch wenn sie bislang öffentlich kaum aufgetreten ist. „Ich bin bei den Fraktionssitzungen und Klausurtagungen dabei und besuche, wann immer ich kann, die Stadtverordnetenversammlungen als Gast“, erzählt sie. Als klar war, dass sie kandidieren würde, hat sie außerdem Seminare zum Haushalt an der kommunalen Akademie der SPD besucht. „Ich kann einen Etatplan lesen“, versichert sie. Außerdem verfügt sie über reichlich Erfahrung in Parteibelangen. Derzeit arbeitet sie als studentische Mitarbeiterin beim SPD-Bundestagsabgeordneten Gerold Reichenbach in dessen Wahlkreisbüro.

Hauptberuflich ist Sanaa Boukayeo Publizistikstudentin in Mainz, Nebenfach Politikwissenschaft, und schreibt an ihrer Bachelor-Arbeit. Die will sie bis Februar abschließen, um sich ganz auf den Kommunalwahlkampf konzentrieren zu können. Dabei will sie den Fokus auf die Entwicklung der Innenstadt und Bildung legen. „Bildung ist mir ein Herzensprojekt“ sagt sie, wohl auch aus dem selbst Erlebten heraus.

Ohne Deutschkenntnisse in der ersten Klasse

Sanaa Boukayeo kam als Siebenjährige mit ihren Eltern und vier älteren Geschwistern aus Marokko nach Deutschland und wohnte zunächst in Bischofsheim. Ihr Vater war in einem Anwerbeverfahren Gastarbeiter in Frankfurt geworden. Das Mädchen wurde eingeschult und saß ohne Deutschkenntnisse in der ersten Klasse. „So konnte ich zusammen mit den anderen Kindern die Buchstaben lernen, das ging ganz gut“, berichtet sie.

Da sie nach Ende der Grundschulzeit keine Empfehlung fürs Gymnasium bekam, setzte sie ihre Schullaufbahn an der IGS Mainspitze in Ginsheim fort. „Es hängt sehr viel von den Lehrern ab, wie sie fördern und helfen“, weiß die Studentin. In Ginsheim traf sie auf engagierte Lehrer, die ihr den Besuch einer Oberstufe nahelegten. So machte Sanaa Boukayeo Abitur in Mainz-Kastel. Der Vater war zwischenzeitlich gestorben, Mutter Fatma Aksbi siedelte mit ihren Kindern nach Rüsselsheim um.

„Meine Eltern waren nicht politisch, aber wir Geschwister haben viel darüber geredet, und ich hatte schon immer Interesse an Politik“, erklärt sie die Wahl ihrer Studienfächer. Außerdem hat sie stets nebenher gearbeitet. Durch ein Praktikum in Reichenbachs Wahlkreisbüro kam sie in Kontakt mit den örtlichen Sozialdemokraten. Ein Praktikum in Berlin folgte, und danach war die Stelle der studentischen Mitarbeiterin frei.

Seit zwei Jahren ist sie dort vornehmlich mit Organisationsaufgaben betraut. Gleichzeitig trat sie in die SPD ein und wurde Schriftführerin im Ortsverein Rüsselsheim sowie stellvertretende Kreisvorsitzende der Jusos. „Junge Leute, die in die Partei kommen und sich einsetzen wollen, werden gefördert“, hat sie festgestellt.

Parteiintern sei sie schon bekannt. Dass ihre Platzierung als Nummer Eins vor altgedienten Stadtverordneten wie Jens Grode und Renate Meixner-Römer außerhalb als Überraschung empfunden wurde, kann sie nachvollziehen. Abwertende Bemerkungen wie „Das ist jemand, der keine Ahnung hat“ eher nicht. „Ich bin schon sehr eingebunden“, sagt sie.

Das und ihre kommunikative Art gaben wohl den Ausschlag dafür, dass sie vom Vorsitzenden Nils Kraft gefragt wurde, ob sie kandidieren möchte. Durch ihre Platzierung an erster Stelle ist so gut wie sicher, dass sie einen Sitz erhalten wird. „Ich habe den Anspruch reinzukommen“, betont sie: „Ich bin in der Stadt zu Hause. Nach sieben Jahren in Marokko und drei in Bischofsheim ist das der Ort, an dem ich die längste Zeit lebe. Es ist auch eine bewusste Entscheidung für die Stadt.“

Sie teilt zugleich die Unzufriedenheit vieler Bürger mit dem, was aus dem einst blühenden Einkaufsstandort mit seinen Fachgeschäften und den belebten Fußgängerzonen geworden ist. „In der Innenstadt fühlt man sich nicht wirklich wohl, sie gibt ein relativ trauriges Bild ab“, findet sie. „Wenn es gelingt, hier etwas zu ändern, ändert das die Wahrnehmung der ganzen Stadt.“ Dabei gibt sie sich nicht der Illusion hin, die goldenen Zeiten von einst wiederbeleben zu können.

Sanaa Boukayeo hält für die Innenstadt urbanes Wohnen, Kultur, Gastronomie und Cafés für realistischer und tragfähiger. Fünf Minuten zum Bahnhof, ideale Lage im Rhein-Main-Gebiet – das seien Stärken. In den Diskussionen zur Zukunft der Stadt vermisst sie vor allem eine Zielsetzung: „Wo wollen wir hin?“ Ihrer Meinung nach muss eine gesunde Mischung entstehen, die von einer breiten Mehrheit getragen wird. Das Potenzial für eine positive Entwicklung sei jedenfalls vorhanden.

Freunde helfen im Wahlkampf

Als Stadtverordnete will sie dazu beitragen. Freunde und Familie bestärken sie darin. „Meine Mutter ist unglaublich stolz auf mich“, sagt sie. „Meine Freunde finden es auch gut, und sie wollen mir im Wahlkampf helfen.“ Wenn sie erst ein paar Jahre Stadtverordnete gewesen sein wird, dürfte sie sowohl in der Öffentlichkeit bekannter sein als auch Erfahrungen vorweisen können. Mit der Überraschung ist es dann allerdings vorbei.

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