Die Anfänge an der Immanuel-Kant-Schule waren beschaulich: Klassenfoto aus dem Jahre 1897. Fotos: Privat
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Die Anfänge an der Immanuel-Kant-Schule waren beschaulich: Klassenfoto aus dem Jahre 1897. Fotos: Privat

Rüsselsheimer Schulgeschichte

"Der IKS-Geist ist unbestreitbar"

Im kommenden Jahr wird die Immanuel-Kant- Schule (IKS) 125 Jahre alt. Die Chronik gibt es aber schon jetzt, verfasst von IKS-Lehrer Dr. Franz Horváth. Alexander Seipp hat mit ihm gesprochen.

Herr Dr. Horváth, 1896 wurde in Rüsselsheim die IKS gegründet, damals noch als Höhere Bürgerschule. Wie kam es dazu?

Zuvor gab es in Rüsselsheim nur eine Volksschule. Die berechtigte aber nicht zum Zugang zum Studium. Viele Bürger schickten daher ihre Kinder nach Mainz in die Schule. 1896 reichte es denn Bürgern dann und sie gründeten die Höhere Bürgerschule. Der von Arbeitern dominierte Magistrat war anfangs übrigens dagegen. Der Unterricht fand im Gebäude der heutigen Grundschule Innenstadt statt.

Das klingt ja relativ elitär.

Das war es zunächst auch. Aber schnell gab es Schüler aus fast allen Schichten - vorausgesetzt, die Eltern konnten das Schulgeld bezahlen, versteht sich. Relativ früh waren sogar Mädchen zugelassen. Integration von eher bildungsferneren Gruppen war daher von Anfang an ein wichtiger Bestandteil des Schulprogramms.

Wie sah denn damals der Unterricht aus?

Die Schüler wurden darauf getrimmt, treue Staatsdiener zu sein. Es ging sehr autoritär zu und auch der Stock kam zum Einsatz. Es wurde viel auswendig gelernt und kaum hinterfragt. Also genau das Gegenteil dessen, wie man sich heute guten Schulunterricht vorstellt.

Wie war das bei den Lehrern? Waren die eine homogene Gruppe?

Die Lehrer waren an der IKS immer sehr unterschiedlich. Besonders gut sieht man dies in der NS-Zeit. Einerseits gab es kritische Lehrer, andererseits aber auch welche, die als Propagandisten des Regimes antisemitische Biologiebücher schrieben, in denen beschrieben wird, wie man "den Juden" an Gang und Stimme erkennen kann.

Aber die waren doch hoffentlich nach 1945 alle weg?

Die besonders NS-Affinen waren weg, allerdings gab es bis Anfang der 60er Jahre noch einige "braune" Lehrer an der IKS. Aber die Schulleitung wurde komplett ausgetauscht. Mit Dr. Simon wurde ein Mann Schulleiter, der zwar konservativ war, aber auch klare Wertvorstellungen hatte.

Unter Dr. Simon bekam die Schule ja auch ihren heutigen Namen.

Richtig, das war 1956. Da steckten gleich zwei Ideen dahinter. Zum einen war Kant mit seinem kategorischen Imperativ und seinen Schriften zum Weltfrieden damals sehr beliebt, andererseits kam er aus Königsberg.

Wie kam das?

In Rüsselsheim gab es damals sehr viele Vertriebene. Zeitweise kamen 30 Prozent der Bevölkerung aus den Ostgebieten. Die Benennung der IKS ist eine dieser Spuren. Auch die Gerhart-Hauptmann-Schule trägt aus diesem Grund ihren Namen. Man wollte, dass die Vertriebenen sich hier wohlfühlten.

Was veränderte sich durch die Gastarbeiterkinder?

Anfangs erstmal sehr wenig. In den Quellen tauchen zunächst sehr wenige Gastarbeiterkinder als Schüler an der IKS auf. Sicherlich spielt dabei auch die strukturelle Benachteiligung ein Thema. Gastarbeiterkinder wurden eher auf die Real- oder Hauptschule geschickt als auf ein Gymnasium. Zum Glück hat sich das heute geändert.

Zur Schulgemeinde gehören ja nicht nur Schüler und Lehrer, sondern auch die Eltern.

Elternengagement hat an der IKS eine lange Tradition. Angefangen hat es damals, als es noch das Schulgeld gab. Wenn man bezahlte, dann wollte man natürlich auch gute Umstände, also begannen die Eltern, sich zu engagieren. Von hier kann man Entwicklungslinien bis zum heutigen Engagement, wie etwa zum Bistro, ziehen.

Was ist das Besondere an der IKS?

Ich denke, es ist unbestreitbar, dass es so etwas wie einen "IKS-Geist" gibt. Heute kann man auf eine lange Geschichte zurückschauen und auf bekannte Absolventen. Es gibt viele erfolgreiche Projekte, wie etwa die IKS Big Band, die über die Schule selbst hinausgehen. Es ist einfach etwas Besonderes.

Wie kamen Sie auf die Idee, das Buch zu schreiben?

Das begann 2015 als die 120- Jahr-Feier vor der Tür stand. Am Ende war es aber viel schwerer als gedacht. Es gab kaum Beispiele von Schulgeschichten, an die ich mich hätte halten können. Ich war dann viel in Archiven unterwegs und habe mit vielen alten Schülern Kontakt aufgenommen.

Hat Sie dabei etwas überrascht?

Die Schülerzeitung "Der Rüssel" hatte in den 60er Jahren ein enorm hohes Niveau. Das waren extrem kluge Beiträge zu Politik und Gesellschaft. So etwas gibt es heute gar nicht mehr.

Wo sehen Sie die Herausforderungen für die nächsten 25 Jahre?

Die Digitalisierung wird das größte Thema, von dem vieles abhängt. Es gibt also viel zu tun.

Hier gibt es das Buch

Franz Horváths "Bildung und Intergration - eine kurze Geschichte der Immanuel-Kant-Schule in Rüsselsheim" ist im Buchhandel unter der ISBN 978-3864082580 erhältlich.

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