Engagierte Debatte um „Leuchtende Vorbilder“ ist entbrannt

Installation im Ratssaal: Von großen Namen und kleinen Helden

Bei der anstehenden Wahl zum nächsten leuchtenden Vorbild für die Installation im Ratssaal zeichnet sich erneut Streit ab. Im Mittelpunkt steht dabei erneut der Name Klaus Fuchs.

Dass es gute und schlechte Vorbilder gibt, ist allgemein bekannt. Kompliziert wird es bei den Fällen, die anscheinend beides sind. Am Mittwoch kamen die Bürger im Ratssaal zusammen und diskutierten über das nächste „Leuchtende Vorbild“ für den Ratssaal. Die Entscheidung ist nicht leicht. 39 Vorschläge haben die Bürger dem Rathaus gemacht. Von heimlichen Helden, wie dem Lehrer Armin Helm bis zu internationaler Prominenz wie Klaus Fuchs, einem der Väter der Atombombe, ist wieder alles dabei.

Gerade der Letztgenannte dürfte einigen Kommunalpolitikern noch mächtig Kopfzerbrechen bereiten. Bei der Veranstaltung im Ratssaal erhielt der Physiker mit Abstand den größten Zuspruch. Seine Biografie ist allerdings auch spektakulär. Der 1911 geborene Sohn des Rüsselsheimer Pfarrers Emil Fuchs war ein brillanter Physiker. Als überzeugter Kommunist musste er Deutschland 1933 verlassen. Es verschlug ihn nach Los Alamos in den USA, wo er maßgeblich an Entwicklung und Erprobung der ersten Atombombe beteiligt war. Später plagten ihn jedoch Gewissensbisse. Er verriet seine Erkenntnisse an die Sowjets und schaffte damit jenes legendäre „Gleichgewicht des Schreckens“, welches für Jahrzehnte den Kalten Krieg dominieren, aber auch vor einem Ausbruch bewahren sollte. Später ging Fuchs in die DDR und machte dort Parteikarriere in der SED.

Die Kulturpreisträger in der Jury zur Wahl des „Leuchtenden Voirbilds“ hatten sich in der Vergangenheit schon einmal für Fuchs ausgesprochen. Weil der Ältestenrat sich damals jedoch quer stellte, kam es am Ende zu keiner Entscheidung. Das könnte nun wieder passieren. „In einer Stadt, in der junge Leute technologisch ausgebildet werden, wäre ein Physiker, der sich ernsthaft Gedanken über die Folgen seiner Forschung gemacht hat, ein würdiges Vorbild“, urteilte Achim Weidner in seinem Plädoyer.

Gut geeignet wären wohl fast alle 39 Vorschläge. Herbert Beisenkötter hielt ein leidenschaftliches Plädoyer für den Fußballtrainer Hans Euler und referierte nebenbei die Geschichte des Sports im Nachkriegs-Rüsselsheim, um Eulers zentrale Position darin zu unterstreichen. „Unter den Vorschlägen sind sehr viele Politiker. Euler ist der einzige Sportler“, betonte Beisenkötter. Der Geschichtslehrer Franz Horváth warb für Julius Simon, der die Immanuel-Kant-Schule zu dem gemacht habe, was sie heute noch ist. Und Marianne Fautz setzte sich für Wilhelmine von Verna ein, der Rüsselsheim den Stadtpark verdankt. „Es geht nicht um Idole, sondern um Ideale“, mahnte der Kulturwissenschaftler Wolfgang Schneider in einer kurzen Einführung. Sie sollten keinen Heiligen und auch keinen nächsten Papst suchen, sondern eine Person, die mit ihren Taten Rüsselsheim besonders repräsentiere, erklärte er.

Die Veranstaltung war ein spannendes Lehrstück in Sachen Kulturpolitik. Geschichte wird eben nicht einfach entdeckt, sondern stets gesellschaftlich ausgehandelt. Das geschieht nur selten so öffentlich, transparent und für alle zugänglich wie bei den „Leuchtenden Vorbildern“. Mit der regelmäßig wiederkehrenden Debatte über Rüsselsheims Historie und was sie uns heute sagen kann, hat Schöpfer Vollrad Kutscher die Stadt zweifellos bereichert.

Unzufrieden mit dem Verlauf der Veranstaltung war dagegen der CDU-Fraktionsvorsitzende Michael Ohlert. Gegen Ende der Veranstaltung äußerte er seinen Unmut, dass er sich als Jury-Mitglied doch etwas mehr Diskussion gewünscht hätte, nachdem Moderator Schneider eine Contra-Rede zu Fuchs unterbunden hatte. Rückendeckung bekam Schneider daraufhin von einem anderen Jury-Mitglied, dem Historiker Ernst Erich Metzner. „Es war gut, dass jeder hier seine Kandidaten vorstellen konnte. Da war für Diskussionen dann leider keine Zeit.“

Am Ende gab es dann noch eine kleine Überraschung. Wie bei kulturpolitischen Veranstaltungen in Rüsselsheim üblich, schlug auch hier Steffen Jobst wieder mächtig Wellen. Er hatte den US-Piloten Sidney Brown vorgeschlagen, der 1944 nur knapp der Ermordung durch die Rüsselsheimer Bevölkerung entgehen konnte und 60 Jahre später trotzdem als Zeichen für Frieden und Vergebung nach Rüsselsheim zurückkehrte.

Nachdem Jobst zur Vorstellung einen knapp 20-minütigen Foto- und Filmvortrag nicht ganz halten durfte, zog er den Vorschlag beleidigt zurück und verließ grinsend den Saal. In seinem Schlusswort sprang dann ausgerechnet Kulturdezernent Dennis Grieser (Grüne) Jobst bei. Er würdigte Sidney Browns Eintreten für den Frieden, nachdem Jobst selbst es nicht bis zu diesem entscheidenden Punkt von Browns Biografie geschafft hatte. So bringt Brown auch sieben Jahre nach seinem Tod vermeintliche Kontrahenten für eine gemeinsame Sache zusammen. Ein leuchtendes Vorbild? Darüber muss die Jury entscheiden, die am 30. November in nicht-öffentlicher Sitzung diskutiert. Sie besteht aus dem Ältestenrat und Kulturpreisträgern der Stadt.

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