Ein Instrument als heiße Spur

Im Fall des mutmaßlichen Serienmörders Manfred S. (†) wird derzeit eine alte Klarinette untersucht. Anders als von manchen Medien berichtet, gehörte das Instrument dem tatverdächtigen Hobbymusiker aber nie. S. spielte nur ein einziges Mal darauf: an einem Abend im Februar 2012.

Von VON CHRISTIAN SCHEH

Die Klarinette, die das Hessische Landeskriminalamt (LKA) derzeit untersucht, könnte die Ermittler im Fall des mutmaßlichen Serienmörders Manfred S. ein gutes Stück voranbringen. Die Kriminaltechniker versuchen, mit Hilfe des Instruments die vier fehlenden Fingerabdrücke des tatverdächtigen Schwalbachers zu rekonstruieren, der im August 2014 starb. Sollte die Rekonstruktion gelingen, wäre klar, ob der blutige Fingerabdruck, der nach dem Mord am Schüler Tristan Brübach 1998 am Tatort gefunden wurde, von dem mutmaßlichen Serienmörder stammt.

Manfred S., der mindestens fünf Frauen und vielleicht noch weitere Menschen getötet haben soll, spielte als Hobbymusiker in der Overall Jazz Gang. Nachdem das LKA mit seiner Serienmörder-Hypothese an die Öffentlichkeit gegangen war, überließ ein Mann die Klarinette der eigens gegründeten Arbeitsgruppe „Alaska“. Tatsächlich gehörte die Klarinette niemals Manfred S. Der im Alter von 67 Jahren gestorbene Hobbymusiker spielte nur ein einziges Mal darauf: bei einem privaten Hauskonzert, das die Overall Jazz Gang am 28. Februar 2012 in Liederbach gab. Die Klarinette gehörte nach Informationen dieser Zeitung dem Hausherrn, bei dem die Jazzmusiker damals auftraten. Der Mann soll das relativ alte Instrument für wenige Euro auf einem Frankfurter Flohmarkt erstanden haben. Weil die Klappen der Klarinette nicht gut funktionierten, gab der Käufer das Instrument dem Vernehmen nach zur Restaurierung in einem Musikgeschäft ab. Weil er selbst keine Klarinette spielt, fasste er diese nach der Abholung nicht weiter an und verstaute sie in ihrem Etui im Keller. Bei dem Konzert erinnerte er sich wieder an das Instrument und bat den Musiker Manfred S., es doch einmal auszuprobieren.

Der mutmaßliche Mörder soll die Klarinettenteile aus dem Etui genommen und zusammengesetzt und danach auch zur Probe auf dem Instrument gespielt haben. Anschließend soll er die Klarinette wieder auseinandergebaut und die Einzelteile zurück in das Etui gesteckt haben. So verpackt, wanderte die Klarinette zurück in den Keller, wo sie offenbar völlig unangetastet blieb. Im Mai 2016 folgten die Pressekonferenz des LKA und die Bitte um Hinweise. Der Eigentümer der Klarinette meldete sich und übergab das Instrument der Landespolizei.

Bei der kriminaltechnischen Untersuchung steht die Suche nach den vier Fingerabdrücken im Mittelpunkt, die nach der Exhumierung des Leichnams von Manfred S. nicht rekonstruiert werden konnten. Falls das Instrument nach der Restaurierung gut abgewischt übergeben wurde, wäre die Chance, zum Beispiel auf den Metallklappen Fingerabdrücke des tatverdächtigen Musikers zu finden, relativ groß. Weil das Instrument bei der Untersuchung im LKA beschädigt werden könnte, musste der Eigentümer zuvor seine Zustimmung erteilen. Dies geschah dem Vernehmen nach erst Mitte Juni. Die Suche nach Fingerabdrücken und deren Auswertung können also erst seit gut zwei Wochen laufen.

Das kriminaltechnische

Verfahren

zur Ermittlung von Fingerabdrücken auf der Klarinette ist aufwendig. Dabei wird in einem Kasten, in dem sich das Instrument befindet, ein spezieller Sekundenkleber verdampft. Dieser schlägt sich auf Fettspuren am Instrument nieder, wie sie zum Beispiel durch Berührung mit einem Finger entstehen. Die Fettspuren werden dann eingefärbt. Im Idealfall haben die Ermittler anschließend einen ganzen Fingerabdruck, wenn es schlechter läuft, nur einen Teilabdruck oder einen unbrauchbaren Fettfleck.

Wie zu hören ist, werden die Klarinette und ihr Etui aber nicht nur auf Fingerabdrücke, sondern auch nach DNA-Spuren – etwa in möglichen Speichelresten am Mundstück des Instruments – untersucht. Es sind also mehrere Untersuchungen und somit auch mehrere Gutachten nötig. Das Warten auf die Ergebnisse der Kriminalisten könnte noch einige Zeit in Anspruch nehmen.

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