Elvira Mannino ist eine überzeugte Rüsselsheimerin mit sizilianischen Wurzeln. Ihre Heimat in Italien lässt sie natürlich auch nach 60 Jahren nicht ganz los: Die Lavasteine, die sie in der Hand hält, sind ein Erinnerungsstück. foto: maraike stich
+
Elvira Mannino ist eine überzeugte Rüsselsheimerin mit sizilianischen Wurzeln. Ihre Heimat in Italien lässt sie natürlich auch nach 60 Jahren nicht ganz los: Die Lavasteine, die sie in der Hand hält, sind ein Erinnerungsstück.

Porträt

Integration mit Nadel und Faden

  • VonMareike Stich
    schließen

Es sollte nur ein Besuch werden. Doch dann blieb sie für immer. Vor 60 Jahren kam Elvira Mannino von Sizilien nach Rüsselsheim. Und baute sich eine neue Existenz auf.

Rüsselsheim -Sie sei glücklich hier, sagt Elvira Mannino, "Rüsselsheim ist meine Heimat geworden". Daran lässt die agile Seniorin im Gespräch keinen Zweifel. Ihre vier Kinder hätten sich gut etabliert, Tochter Enza, die mit ihrem Friseursalon am Rathaus heute sicher den meisten Rüsselsheimern ein Begriff ist, ist beim Gespräch mit dieser Zeitung dabei.

Doch wie kam es dazu, dass die 1961 gerade 20-jährige, die sonnigen Strände ihrer Heimat Siziliens hinter sich ließ, um sich in Rüsselsheim niederzulassen?

Eigentlich sei zusammen mit dem frisch angetrauten Ehemann erst einmal nur eine Hochzeitsreise zum Bruder geplant gewesen. Der Maurermeister sei schon einige Jahre zuvor gemeinsam mit Freunden in der Opelstadt gelandet. "Wir hatten eine dreimonatige Aufenthaltsgenehmigung und wollten uns einfach mal so lange hier umschauen", sagt Mannino.

Sie habe aber schon recht bald gewusst, dass sie bleiben wolle. Die Leute seien so freundlich und hilfsbereit gewesen. Sie habe sich gleich wohlgefühlt und deshalb schon nach kurzer Zeit zu ihrem Mann gesagt: "Komm, wir bleiben hier, wir werden schon eine Wohnung finden." Eine Arbeit habe ihr Mann zu jenem Zeitpunkt schon gehabt.

Auch dass das junge Paar bei der Wohnungssuche aufgrund eines Missverständnisses in eine Männerunterkunft in Raunheim vermittelt wurde, konnte Manninos Enthusiasmus nicht bremsen. Es war kurz vor Weihnachten und das Wohnheim fast leer, und so verbrachte das junge Paar einige Tage dort, bis sie schließlich zweieinhalb Zimmer bei einer alten Dame, Frau Gabler, in der Rüsselsheimer Marxstraße beziehen konnten. "Frau Gabler war wie eine Mutter zu mir", erinnert sich Mannino. Sie habe ihr Deutschunterricht gegeben und sie dabei unterstützt, sich in Rüsselsheim als Schneiderin zu etablieren.

So kam die junge Frau in viele Rüsselsheimer Haushalte, lernte Ärzte und Architekten kennen und fing an, sich einen Freundeskreis aufzubauen, der mit der Zeit immer größer wurde. Es sei alles ein großes Abenteuer gewesen, vermisst habe sie eigentlich gar nichts, beteuert Mannino.

Ihren Mann hingegen habe die Sehnsucht nach der Natur der Heimat und vor allem dem Meer nie ganz losgelassen. Das Segeln und das Angeln hätten ihm sehr gefehlt. Deshalb habe man die Oster- und Sommerferien auch immer in der alten Heimat verbracht.

Deutsche Plätzchen und Bürokratie

Immer wieder habe man sich gesagt, "wir sparen noch ein bisschen, und dann gehen wir zurück". Getan habe man das dann aber doch nie, schließlich sei man immer mehr in der Stadtgesellschaft etabliert gewesen. "Wir hatten einen tollen Freundeskreis und haben tolle Partys gefeiert", berichtet Mannino. 1964 kam die erste Tochter Rosa-Maria zur Welt, 1968 Enza und ein Jahr nach dem Umzug ins eigene Haus 1973 die dritte Tochter Luisa. "Unserer Mutter war es immer wichtig, dass wir Hochdeutsch sprechen", sagt Tochter Enza. Überhaupt sei bei ihnen Zuhause alles genauso gewesen, wie bei den deutschen Freundinnen. Deutsche Weihnachten, Plätzchen und Torten backen, Spinat und Eier mit Kartoffelbrei seien ebenso normal gewesen, wie das Sparen und das Abschließen von Versicherungen. Man habe alles bestens organisiert und es sehr zu schätzen gewusst, dass die deutsche Bürokratie so effektiv gewesen ist.

Neue Liebe nach Schicksalsschlag

Dann kam ein großer Schicksalsschlag. Bei einem Unfall im Jahr 1976 kam der Ehemann ums Leben. Doch nun habe sich gezeigt, dass die neuen Freunde auch in schlechten Zeiten da waren. Man habe die junge Mutter nach Kräften unterstützt und ihr einen Job als Küchenhilfe im Krankenhaus vermittelt. "Wir haben uns durchgebissen", sagen Mutter und Tochter. Nach zwei Jahren habe sie dann eine neue Liebe gefunden. Ein Freund des verstorbenen Ehemannes habe hartnäckig um sie geworben. "Sie wollte es eigentlich nicht", verrät die Tochter, denn das sei damals nicht üblich gewesen. Schließlich habe aber die Liebe gesiegt, und die drei Mädchen hatten in Giuseppe Guillerno einen neuen Papa. 1979 kam dann noch Sohn Marcello zur Welt.

Heute hat Mannino drei Enkelkinder, mit denen sie gerne ihr Jubiläum feiern würde. Vielleicht sogar in ihrem Ferienhaus in Taormina auf Sizilien. Corona lässt das nicht zu. Davon lässt sie sich aber nicht die gute Laune verderben. "Ich habe hier nur Gutes erlebt", sagt die Jubilarin zum Abschied und strahlt dabei über das ganze Gesicht. maraike stich

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare