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Die Rüsselsheimerin Arian verbringt ein Jahr in Bolivien

Rüsselsheimerin hat ihren Lebensmittelpunkt für ein Jahr nach Bolivien verlegt

Interview mit Ariane Krüger: Raus aus der Schule, rein ins Abenteuer

Hallo Ariane, vor neun Monaten bist du nach Bolivien aufgebrochen. Wie bist du denn empfangen worden?

Hallo Ariane, vor neun Monaten bist du nach Bolivien aufgebrochen. Wie bist du denn empfangen worden?

Ich und meine Mitfreiwilligen sind wunderbar von unserem Organisationsleiter in Santa Cruz am Flughafen empfangen worden. Nach einem Tag Aufenthalt hatten wir direkt unsere erste lange Busfahrt nach Sucre. Mittlerweile ist die Zeit, die man im Bus verbringt, kein Problem mehr. Aber damals war es aber doch erstmal ein Schock.

Wieso das?

Also die erste Fahrt dauerte 14 Stunden. Da Bolivien drei Mal größer als Deutschland ist, kann es schon leicht mal vorkommen, dass man zwölf bis 14 Stunden im Bus sitzt. In Sucre mussten wir uns dann wegen des Migrations- und Visaprozesses drei Wochen aufhalten. Als wir schließlich in das Dorf kamen, in dem ich jetzt lebe und arbeite, wussten sofort alle Bescheid, dass die neuen Freiwilligen, die „Voluntarios“, angekommen sind.

Wie sieht denn dein Alltag aus. Einen ganz normalen Job, vielleicht auch noch mit Stechuhr, hast du dort ja nicht.

Mein Arbeitsalltag in einer Schule war erst mal ein Sprung ins kalte Wasser. Ich wurde direkt in einen Klassenraum geschickt, wo die Lehrerin mich als neue Englischlehrerin vorstellte, und mich alleine vor der Klasse stehen ließ, um sofort mit dem Unterricht zu beginnen. Und das mache ich jetzt immer Montag bis Freitag von 8 bis 13 Uhr – in der Grundschule Juan Vossing, die hier allerdings von der 1. bis zur 6. Klasse geht.

Fiel es dir am Anfang schwer, dich in einem neuen Kulturkreis zurechtzufinden?

Nein, nicht besonders. Ich habe ja vorher schon spanisch gesprochen. Das macht vieles leichter. Um Kultur und Traditionen noch besser kennenzulernen ist es perfekt, so wie ich in einem Dorf zu leben. Hier werden Feste und Kultur noch größer und traditioneller gefeiert und gelebt als in den Städten. Ich habe auch schon viele der traditionellen Tänze kennengelernt und durfte sogar auf dem großen Dorffest mittanzen.

Was sind denn die größten Unterschiede im Vergleich zu Rüsselsheim oder Deutschland?

Oh, das ist schwer. Da gibt es so viel. Immer wieder toll finde ich die unglaublich großen Märkte, auf denen man alles an Früchten, Gemüse und Haushaltswaren bekommt, und auf denen man um jeden Preis feilscht. Statt in den Supermarkt gehen wir hier bei uns im Dorf auf den Markt, wo direkt neben den Äpfeln ein halbes Rind liegt. Und was ich toll finde, ist das Trampen.

Wieso denn ausgerechnet das trampen?

Wenn wir in den vergangenen Monaten mal irgendwohin wollten und uns zu Fuß auf den Weg gemacht haben, kam immer irgendwann auf der Strecke ein Laster oder Viehtransporter vorbei, der uns zumindest ein Stück mitgenommen hat. Das funktioniert wunderbar, so lernt man auch immer direkt noch neue Menschen kennen. Ganz neu für mich, die gerne mal fünf Minütchen später als verabredet kommt, war das Zeitempfinden der Bolivianer. Es kommt schon öfter mal vor, dass selbst der Gastgeber zu seiner eigenen Feier erst zwei Stunden nach Einladung erscheint.

Lässt dir deine Aufgabe denn genug Zeit, um auch etwas herumzureisen und das Land noch besser kennenzulernen?

Ja, natürlich. Besonders zu Beginn unserer Zeit im Dorf sind wir unglaublich viel getrampt um Freunde im Nachbardorf zu besuchen. So haben wir jedes Mal in unserer Nähe neue Ecken entdeckt, aber auch um weiter entfernte Orte zu sehen bleibt genug Zeit, da wir Urlaubstage haben die wir uns nehmen können. Beliebt bei uns Freiwilligen sind auch die vielen Feiertage, die Bolivien hat. Es gibt zum Beispiel den Tag der Nationalflagge und -hymne, den Tag des Baumes oder den Tag des Kindes. Dann fällt die Arbeit für alle aus, und je nach dem, ob im Dorf dann viel Besonderes los ist, kann man die Tage auch oft als Brückentage zum Reisen verwenden.

Ganz alleine bist du ja nicht in Bolivien, du hast es auch schon ein paarmal angedeutet. Mit dir zusammen sind weitere Freiwillige gereist. Wie ist der Kontakt untereinander?  Insgesamt sind wir 24 Weltwärts-Freiwillige im Moment auf sechs verschiedene Dörfer und Städte in Bolivien aufgeteilt. Sehr nah ist das Dorf Alcalá, mit dessen Freiwilligen wir uns die ersten zwei Monate jedes Wochenende trafen. Mit weiter entfernten Einsatzstellen wird es dann schon schwieriger. Manche Freiwillige hatte ich bis zum Zwischenseminar Ende Januar seit August nicht gesehen. Eben deswegen war es aber so gut, die gemeinsame Zeit zu Beginn in Sucre zu haben, so hält man auch über die Entfernung einigermaßen regelmäßigen Kontakt um sich auszutauschen.

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Gibt es etwas, dass dich besonders nachhaltig beeindruckt hat?

Mitte März bin ich mit einer Freundin, die mich aus Deutschland besuchen gekommen war, den „Camino de la Muerte“, den Weg des Todes heruntergefahren. Diese Straße wurde von Kriegsgefangenen aus Paraguay um das Jahr 1930 in den Berg gesprengt und war über viele Jahre hinweg die einzige Verbindungsstrecke zwischen dem Hoch- und Tiefland. An vielen Strecken ist sie so schmal gebaut, dass nur ein Auto den Weg passieren kann. Da sie aber über viele Jahre hinweg nicht nur von Privatautos, sondern vollbepackten Lastern in beide Richtungen befahren wurde, kam es dort oft zu Unfällen, die fast immer mit dem Tod endeten, wenn ein Auto am Rand den Abhang hinunterfiel.

Das klingt jetzt erst einmal wenig verlockend.

Ja, aber das Wunderbare an dieser Strecke heute ist, dass man sie mit dem Fahrrad hinunterfahren kann. Man startet auf knapp 5000 Metern Höhe und kommt am Ende auf etwa 1000 Metern in den Yungas an, wo die Nationalpflanze Boliviens, die Cocapflanze angebaut wird. Dabei fährt man fast durch jede Klimazone, die ganz Südamerika zu bieten hat. Man beginnt die Strecke mit Schnee und Eis, und beendet sie im dichten Tropenwald mit einer unglaublichen Luftfeuchtigkeit, um dort inmitten von Bananenstauden in einem Freibad zu schwimmen.

Weißt du schon, wie es für dich weitergeht, wenn du zurück in Deutschland bist? Das sind ja nur noch etwa drei Monate.

Ich denke, dass ich bestimmt studieren werde, in welche Richtung und wohin es aber genau gehen soll, steht noch nicht fest.

Ist es schwierig, die ganzen Vorbereitungen für die Zeit nach dem Auslandsaufenthalt über die große Entfernung zu treffen?

Also einfach ist es nicht. Im Dorf haben wir kein W-Lan, sondern nur mobile Daten, und die sind im Moment durch die vielen Wolken der Regenzeit oft schwach oder auch mal gar nicht da. Sich mal schnell hinsetzen und etwas auf der jeweiligen Seite der Uni oder über einen Studiengang im Internet nachzulesen, ist nicht immer möglich. Was man von hier aus machen muss, ist das Verschicken der Bewerbungen, aber diese sind mittlerweile durch neue Verfahren im Internet leichter zu bearbeiten, auch aus dem Ausland. Für solche Sachen wie Wohnungssuche wird noch genug Zeit sein, wenn ich zurück in Deutschland bin.

Kannst du schon jetzt sagen, ob das Auslandsjahr der richtige Schritt für dich war?

Mich für dieses Auslandsjahr im Allgemeinen und speziell in Bolivien zu entscheiden, war eine der besten Entscheidungen, die ich habe treffen können. Ich bin dankbar für jeden Tag, den ich hier verbringen darf, besonders auch durch die Unterstützung meiner Förderer. Dieses Jahr hat bereits jetzt meinen Blick auf so vieles verändert, mich dankbarer gemacht für alles, was mir sonst so normal erschien. Ich habe so viele wunderbare Menschen und Orte kennenlernen dürfen, dass dieses Land sich jetzt auch schon wie Heimat und Zuhause anfühlt.

Hast du Tipps, die du einem Schüler geben würdest, der über ein ähnliches Engagement nachdenkt, wie du es gerade absolvierst?

Jedem, der noch nicht genau weiß, was er nach dem Ende eines Lebensabschnitts vor hat, empfehle ich zu reisen und die Welt kennenzulernen. Meiner Meinung nach ist ein soziales Projekt, an dem man an einem festen Ort arbeitet am besten geeignet, um ein Land wirklich intensiv kennenzulernen. Nicht abschrecken lassen würde ich mich davon, wenn man kein Projekt findet, das einem auf Anhieb zu hundert Prozent zusagt. Seine eigenen Ideen einbringen und etwas starten, kann man immer.

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