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Jens Will ging mit dem Städteservice durch schwierige Monate, deren Ergebnis er aber trotzdem als Erfolg verbucht.

Jens Will spricht über die ersten Monate des neuen Betriebs und die Zukunft

Interview mit Städteservice-Chef: „Wir werden unsere Ziele übertreffen“

Vor etwas mehr als einem Jahr wurde der Städteservice Raunheim/Rüsselsheim gegründet – und ging durch zwölf schwere Monate. Im Interview spricht Städteservice-Chef Jens Will über die Schwierigkeiten, Proteste und warum das Konstrukt trotzdem seiner Meinung nach schon jetzt ein Erfolg ist.

Herr Will, die rechtlichen Unsicherheiten bezüglich des Städteservice wurden mit dem jüngsten Urteil des Verwaltungsgerichts ausgeräumt. Wie groß ist die Erleichterung bei Ihnen?

JENS WILL: Von Erleichterung will ich da nicht sprechen. Es ist doch so: Wir sind am Ende des Tages eine Verwaltungseinheit. Wenn die Stadtverordneten eine Idee haben, wie sich der Betrieb verändern soll, dann setzen wir das um. Aber ich glaube schon, dass der Städteservice im ersten Jahr seit seiner Gründung sehr erfolgreich war. Das Rad wieder zurückzudrehen, wäre deshalb aus meiner Sicht sehr schade gewesen. Insofern bin ich schon froh über die Entscheidung des Gerichts. So können wir den eingeschlagenen Weg weitergehen.

Im Rückblick: Hat es Sie überrascht, wie lange der Protest gegen den Städteservice schon anhält?

WILL: Nein. Aber ich glaube, dass er vermeidbar gewesen wäre. Es ist einfach schade, dass der Personalrat vor der Gründung nicht auf die Gesprächsangebote und Beteiligungsrunden, die es gab, eingegangen ist und mitgearbeitet hat. Das Angebot und die Möglichkeit hierzu gab es zigfach. Dadurch hätten sich viele falsche Informationen und viele Unsicherheiten vermeiden lassen. So war die Verunsicherung der Beschäftigten bei der Gründung groß. Sie glauben gar nicht, wie viele Menschen in der ersten Januarwoche des vergangenen Jahres hier standen, und geguckt haben, ob es den Wertstoffhof jetzt noch gibt.

Wie war denn die Stimmung intern? Bei einer Demo gegen die Zusammenlegung waren ja auch viele Mitarbeiter.

WILL: Das stimmt. Aber ich glaube, auch dies war eine Folge nicht ausreichender Informationen, wie eben beschrieben.

Wie hat sich die Stimmung entwickelt?

WILL: Die Diskussion über das vergangene Jahr, ob die Gründung wieder rückgängig gemacht wird oder nicht, hat sich natürlich negativ auf das Betriebsklima ausgewirkt. Da kann man den Leuten über Monate erklären, dass es für sie in keinem Fall eine Verschlechterung geben wird. Aber wenn der Eigentümer nicht vollauf zu dir steht als Betrieb, dann ist es eben schwierig.

Wie sind sie damit umgegangen?

WILL: Wir mussten viel Überzeugungsarbeit leisten. Positiv war, dass die Rathauschefs von Raunheim und Rüsselsheim immer wieder da waren. Aber ich glaube, erst jetzt, mit dem Gerichtsentscheid, ist auch den letzten Beschäftigten klar geworden, dass sich für sie mit der AöR letztlich sogar eine Verbesserung ergeben hat. Die Zusicherungen, die von Anfang an gemacht wurden, stehen. Niemand, der in die neue Gesellschaft übergeleitet wurde, verdient weniger als 2015, es gibt sogar einen lebenslangen betrieblichen Kündigungsschutz.

Unabhängig von den politischen Fragen musste sich doch aber bestimmt so einiges erst einspielen, oder? Immerhin haben sie aus zwei Betrieben einen geformt.

WILL: Natürlich, wir hatten ja zwei komplette Organisationsstrukturen. Aber einiges konnten wir gut vorbereiten, die Arbeitsfelder nach und nach stufenweise zusammenlegen. So haben wir versucht, jedem eine adäquate Position im neuen Betrieb geben zu können. Und ich glaube, bisher hat das auch gut geklappt.

Die Mitarbeiterzahl ist annähernd gleich geblieben, oder?

WILL: Ja, es sind jetzt 236, vorher waren es 235. Ich glaube auch nicht, dass sich daran in naher Zukunft viel ändern wird. Wir kommen mit dem Personal, dass wir haben, gut hin. Kleinere Veränderungen kann es aber geben, etwa im Hinblick auf verschiedene Arbeitszeitmodelle.

Wie sieht denn die wirtschaftliche Seite aus?

WILL: Wir sind deutlich weiter, als wir es uns erhofft hatten. Rund 70 Prozent der Synergieeffekte, die wir in den ersten sieben Jahren erzielen wollten, haben wir schon im ersten Jahr erreicht. Da bei Neugründungen eine Anschubfinanzierung notwendig ist, sind wir eigentlich nicht davon ausgegangen, im ersten Jahr tatsächlich irgendwo ins Plus zu kommen. Aber es sieht wirtschaftlich weitestgehend gut aus. Geben wir weniger aus als gedacht, kann Geld zurück in die Stadtkasse fließen.

Haben Sie schon Zahlen?

WILL: Nein, die Details muss unser Jahresabschluss zeigen. Der wird wahrscheinlich im April oder Mai veröffentlicht. Aber wie gesagt, wir werden unsere wirtschaftlichen Ziele deutlich übertreffen.

Geld kosten wird aber erst einmal ein Neubau, wenn dieser denn beschlossen wird.

WILL: Ja, natürlich wird ein Neubau Geld kosten. Aber wir können doch so langfristig und dauerhaft Geld einsparen. Zudem wird das Gelände hier in der Rüsselsheimer Innenstadt frei. Zusammen mit dem Eigenkapital des alten Eigenbetriebs Städtische Betriebshöfe, das nach dessen Schließung direkt der Stadt zufließt, reden wir hier über einen hohen einstelligen Millionenbetrag.

Wie dringend ist das Thema?

WILL: Der Neubau ist mir schon sehr wichtig. Er bietet einfach enorme Vorteile. Wir könnten effizienter Arbeiten, so noch mehr Geld einsparen. Und wir könnten auch beim Service zulegen. Der An- und Abfahrtsverkehr des Wertstoffhofes könnte getrennt werden, ein Höhenversatz würde es den Kunden einfacher machen, ihren Abfall in die Container zu bekommen. Und auch über eine teilweise Überdachung denken wir nach. Wir könnten ein eigenes Salzlager anlegen, hätten mehr Parkplätze. Hinzu kommt, dass wir an unserem alten Standort an die Kapazitätsgrenzen bei der Annahme bestimmter Stoffe stoßen.

Ihr Favorit als Bauplatz ist das Klärwerk an der Grenze zu Raunheim?

WILL: Das stimmt. Das Areal ist gut am Arbeitsschwerpunkt gelegen, da könnte man sehr langfristig sogar drüber nachdenken, noch Flörsheim mit zu bedienen. Und sollte der Abwasserzweckverband perspektivisch auch ein neues Verwaltungsgebäude brauchen, könnte man auch da Synergien schaffen.

Wie steht es denn eigentlich um Kelsterbach? Die Kommune sollte doch ursprünglich einmal die dritte im Bunde beim Städteservice sein.

WILL: Da müssen wir abwarten. Kelsterbach hat vor einem Jahr einen Eigenbetrieb gegründet, jetzt muss man einfach mal die Zahlen abwarten, um da eine seriöse Einschätzung abgeben zu können.

Das erste Jahr des Städteservice ist vorbei, das zweite hat begonnen. Irgendwelche Wünsche?

WILL: Man könnte noch mal darüber nachdenken, jetzt doch den Rüsselsheimer Eigenbetrieb aufzulösen. Der fungiert derzeit einzig und allein als unser Vermieter, andere Aufgaben hat der nicht mehr. Ihn aufrecht zu erhalten, verursacht aber Kosten. Ungefähr 20 000 bis 30 000 Euro im Jahr. Das Geld könnte man sich sparen.

Warum besteht der denn überhaupt noch?

WILL: In den ersten Monaten nach der Gründung des Städteservice war es sinnvoll, den Eigenbetrieb weiterlaufen zu lassen. Einfach bis alles abgewickelt war. Danach hat man ihn aufgrund der politischen Unsicherheiten zu recht nicht aufgelöst. Jetzt wäre aber ein Zeitpunkt auch darüber wieder nachzudenken.

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