Überall im Ortskern gibt es Hinweise auf die lange Historie von Haßloch. Foto: Ralph Keim
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Überall im Ortskern gibt es Hinweise auf die lange Historie von Haßloch.

Interview

"Jeder Haßlocher ist auch ein Rüsselsheimer, aber ..."

2021 jährt sich die Eingemeindung von Haßloch zum 70. Mal. Unser Mitarbeiter Ralph Keim fragte Heimatforscher Hans-Joachim Mispagel: Was bedeutet es, ein Haßlocher zu sein?

Herr Mispagel, wie würden Sie einem Fremden mit wenigen Sätzen Haßloch beschreiben?

Mein Geburtsort ist ein l(i)ebenswerter Flecken in einem weiten Bogen des Horlachgrabens. Er tangiert Feld, Wiesen und Wald, ist also ein ideales Naherholungsgebiet sowohl für Einheimische als auch Gäste. Historisch betrachtet ist Haßloch gemäß erstmaliger urkundlicher Erwähnung schon mehr als 860 Jahre alt. Zeugnisse lebendiger Vergangenheit finden sich heute noch im Ortskern. Der Stadtteil selbst ist bei Wohnungssuchenden sehr geschätzt, er hat sich im Laufe der Jahrzehnte von einem bescheidenen landwirtschaftlichen Dorf zu einem beinahe reinen Wohnort mit idealen Möglichkeiten der Verkehrsanbindung entwickelt.

Und wie würden Sie den typischen Haßlocher beschreiben?

Da bemühe ich doch gern meinen geliebten Opa Josef, einer aus zwei Roosen-Linien in Haßloch: Ein aufrichtiger Menschenschlag, meist abwartend handelnd. Wenn gefordert, Ganzes leistend. Ein Typ, der gern unter sich ist und die Gemeinschaft Gleichgesinnter schätzt, dennoch weltoffen genug, um Neuem vielleicht zunächst etwas zurückhaltend, schließlich aufgeschlossen gegenüberzutreten. Und ein Mensch, der brauchtums- und traditionsbewusst ist, was nicht ausschließt, dass er ein positives Verhältnis zur Zukunft hat.

Wo ist das Haßloch von heute für Sie am schönsten?

Der Ortskern ist der charmanteste Teil. Hier gibt es noch den typischen in sich geschlossenen Dorf-Charakter, wie man ihn so nicht überall mehr vorfindet: Fachwerkhäuser aus der Mitte des 18. Jahrhunderts, das Wirtshaus, der wieder auferstandene Brunnen, die Linde, kleine Sträßchen und Gässchen.

Und das alles überragt von der barockisierten Dorfkirche Heilige Dreifaltigkeit von 1910. Der ideale Platz für Festlichkeiten im Laufe eines Jahres, etwa die Kerb, der Weihnachtsmarkt und das Äppelwoifest. Ein Zentrum gelebter Fröhlichkeit und herzlicher Begegnungen.

Sind in diesem Jahr wieder Führungen durch Haßloch geplant?

Corona-bedingt musste 2020 einiges abgesagt werden. Selbstverständlich sollen die Aktionen nachgeholt werden. Über Termine lässt sich derzeit aber noch keine Angabe machen. Eines sei jedoch schon heute angedeutet: Die Verantwortlichen stehen in den Startlöchern und werden, wenn sich die Zeiten gebessert haben, wieder Interessantes, Wissenswertes und Sehenswertes zu präsentieren haben.

Haßloch und der Äppelwoi - was fällt Ihnen spontan dazu ein?

Der Äppelwoi war stets fester Bestandteil in den Gaststätten. Mit Sicherheit wurde hier genauso viel Äppelwoi getrunken wie Bier, Wein und andere alkoholische Getränke zusammen.

Die Wirte, ob im "Grünen Baum" oder in der "Schönen Aussicht", verarbeiteten Jahr für Jahr zentnerweise Äpfel - eigene, zugekaufte und aus Privathaushalten. Drei Zentner Äpfel ergaben 100 Liter Äppelwoi. Und wenn der Most aus der Kelter kam, war der erste erfrischende Schluck immer der beste. Außerdem war es früher ohnehin Usus, dass die Haßlocher Haushalte ihren Bedarf am Stöffche durch Eigenbereitung deckten. Die Tradition des Kelterns wird heute vor allem noch vom Verein "Mir Haßlischer" hochgehalten.

Bekannt ist Haßloch ja aber auch für seine Gaststätten.

Traditionsgaststätten wie "Zum Schützenhof", "Zur Schönen Aussicht", "Zum Grünen Baum" waren Orte von Zusammenkünften, der Begegnung, Treffen des Stammtischs. Nach getaner Arbeit im Feld oder am Sonntag nach dem Kirchenbesuch kam man ebenfalls zusammen, um sein verdientes Schöppchen zu trinken. Die Vereine nutzten die den Gaststätten meist angeschlossenen Säle.

Das war früher. Heute sieht es wohl anders aus.

Für die Betreiber einer Wirtschaft wird es zunehmend schwieriger, ihr Lokal zu führen und aufrechtzuerhalten. Das liegt zum Beispiel am fehlenden Nachwuchs oder auch an nur schwer nachzuvollziehenden EU-Richtlinien. Beispiel ist der "Schützenhof", der vor wenigen Jahren nach knapp zwei Jahrhunderten seine Pforten schloss.

Andere Gaststätten werden verkauft oder unter neuem Namen weitergeführt. Jahr für Jahr erleben Gaststuben und Dorfkneipen ihren Niedergang. Die Gastwirtschaft war einst fester Bestandteil im dörflichen Miteinander, der gesellschaftliche Mittelpunkt im Dorfleben. Dies hat sich, auch in Haßloch, grundlegend geändert.

Etwas anderes, das einfach zusammengehört, sind ja Haßloch und die Kerb. Was verbinden Sie damit?

Da denke ich zuerst an die Tradition der Kerbeborsch, die selbst im Corona-Jahr fortgesetzt wurde. Junge Menschen hatten sich 2020 einiges einfallen lassen, und zwar unter Beachtung der damals geltenden Hygiene-Regeln, um in der Bevölkerung Kerbestimmung zu verbreiten. Immer wieder hatte es in der Vergangenheit Zeiten gegeben, wo die Hasslischer Kerb, ursprünglich eine Gastwirtschaftskerb, ohne Kerweborsch und Kerwemädscher gefeiert wurde.

Dank historischer Aufnahmen lässt sich die Kerwetradition im früher beinahe ausschließlich katholischen Haßloch rund 100 Jahre zurückverfolgen. Übrigens: Schon zwei Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs hatten sich bereits wieder junge Männer zusammengefunden, die mit Pferden und geschmückten Wagen durch den Ort zogen und an bestimmten Stellen den Kerwespruch verlasen.

Nach vielen Jahren der Abstinenz gab es dann im Jahre 1986 aus Anlass der Feierlichkeiten zur 300-Jahr-Feier der Kirche Heilige Dreifaltigkeit endlich wieder Kerweborsch. Und seit dieser Zeit finden sich Jahr für Jahr genügend Kerb-begeisterte junge Menschen, um mit viel Engagement vier Tage Kerb zu zelebrieren.

Organisiert wird das Ganze von der Kerwegesellschaft Haßloch 1988. Deren kostenlose Kerbezeitung ist mittlerweile eine umfangreiche Broschüre, die sich mit wichtigen Dingen rund um die Kerb beschäftigt, aber auch viel Historisches zu bieten hat. Bleibt zu wünschen, dass 2021 wieder eine richtige Kerb stattfinden kann.

Sie werden gefragt, wo Sie herkommen. Was geben Sie zur Antwort: Rüsselsheim? Rüsselsheim-Haßloch? Oder Haßloch?

Wenn jemand, der wie ich sein Schlafzimmer dort hat, wo er geboren wurde, dann ist er natürlich ein Ur-Haßlocher, der in Alt-Haßloch wohnt, Haßloch zu seinem Heimatort zählt und postalisch zu Rüsselsheim-Haßloch gehört. Oder anders ausgedrückt: Jeder Haßlocher ist auch ein Rüsselsheimer, aber nicht jeder Rüsselsheimer ist (auch) ein Haßlocher.

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