Bürgermeisterwahl in Bischofsheim

Jörg Knoch: "Ich wohne hier nicht, ich lebe hier"

Am 19. März will Jörg Knoch von den Freien Wählern Bürgermeister werden. Jetzt hat er Echo-Redakteurin Dorothea Ittmann sein Bischofsheim gezeigt.

„Ich wohne nicht in Bischofsheim, ich lebe hier“, pflegt Jörg Knoch gerne zu sagen. Und das stellt der 65-jährige Fahrlehrer auch unter Beweis. Schon auf den ersten Metern zum Auto grüßen ihn die Leute auf der Straße. Der Kontakt zu seinen Mitmenschen sei ihm sehr wichtig, erklärt Knoch. Seinen Fahrschulwagen hat er an der Darmstädter Straße geparkt, direkt vor der Krone. „Bitte nicht auf die Pedale treten“, weist er seine Beifahrerin an, als er sich in das Auto setzt. Die zieht gleich die Füße an den Körper, um nicht aus Versehen Gas und Bremse zu betätigen.

Nur wenige hundert Meter die Straße runter biegt Knoch links in den Attich ab – gleichermaßen Zankapfel und Hoffnungsträger für die Gemeinde. Zur Rechten ein Hartplatz neben der Georg-Mangold-Schule. Einen Teil des Grundstücks tauschte Bischofsheim mit dem Kreis gegen das Theodor-Heuss-Gelände, auf dem damals die gleichnamige Schule stand. Dort möchte der Kreis nun eine Mensa bauen. „In den 60er, 70er Jahren wurden die Schulgelände an den Kreis übertragen, jetzt müssen wir das Grundstück, das einmal der Gemeinde gehörte zurückkaufen“, weist Knoch auf die Ungerechtigkeit des von CDU und BFW kritisierten Tauschvertrags hin. Mittlerweile wuchert kniehohes Gestrüpp über den verwahrlosten Platz. „Das war der frühere Sportplatz der Sportfreunde“, sagt Knoch. Fußball gespielt habe er dort noch nie. „Ich bin ein 07er“, gibt er schmunzelnd zu. Auch sonst hat der Bischofsheimer Freie Wähle vieles ausprobiert: Boxen, Springreiten, Motorradrennen, Fallschirmspringen zählt er auf.

Neben dem Platz sind Flüchtlinge in den ehemaligen Umkleidekabinen untergebracht.

Knoch wird ernst. „Ich bin auch ein ehemaliges Flüchtlingskind“, sagt er unvermittelt. „Die ganze Familie hat in einem Zimmer gewohnt“, erinnert er sich. Als Republikflüchtling war der heutige Bischofsheimer aus seiner Geburtsstadt Schmachtenhagen, nördlich von Berlin, aus der DDR in den Westen geflohen. „Ich kann mich noch sehr gut an das Gefühl erinnern, als ich mich nicht mehr als Ausländer ausweisen musste.“

Vor rund 25 Jahren kam er nach Bischofsheim – und ist bis heute geblieben. „Das ist eine witzige Geschichte“, erinnert sich Knoch daran, wie es ihn in die Gemeinde verschlagen hat. Die Liebe zu Pferden war ausschlaggebend. „Mir hat der Margaretenhof damals so gut gefallen, als ich dort auf Turnier war.“ Kurzerhand stellte er seine Pferde dort zur Miete unter. Eine Zeit lang pendelte Knoch täglich zwischen seiner Wohnung in Frankfurt nach Bischofsheim, bis ihn ein Reiterkollege fragte, warum er nicht in die Gemeinde ziehe. „Ich sagte: Wenn du eine Wohnung für mich hast, dann komme ich her.“ Gesagt, getan.

Knoch bleibt vor dem Bürgerhaus stehen. „Die Empore darf seit Jahren nicht mehr genutzt werden, weil ein zweiter Notausgang fehlt“, sagt er. Endlich werde das Gebäude saniert, das Geld ist für 2017 in den Haushalt eingestellt.

Warum führen Jörg Knochs Schritte ihn zum Bürgerhaus? „Hier trifft man Menschen“, überlegt er, „und der Blick auf die Altenwohnungen ist sehr schön.“ Schräg gegenüber ziehen die gepflegten Fachwerkhäuser mit gepflastertem Vorplatz den Blick auf sich. „Auf dem Platz kann man einen Wochenmarkt besuchen, aber dort ist nicht mehr viel los.“ Außerdem besuche er gerne die Vorstellungen im Bürgerhaus – gegen „so ein bisschen Rock’n’Roll oder Country-Music“ hat der 65-Jährige nichts einzuwenden – Elvis hängt schließlich an der Wand in seinem Büro. Das und eine kräftige Prise Lokalkolorit führt sich Knoch gerne zu Gemüte. „Die Babbelbühne ist was für mich“, denn der Bischofsheimer ist ein Mensch, der gerne lacht, wie er sagt.

Die Autotüren schlagen, der Motor brummt. Vom Attich rollt das Auto durch die schmalen Straßen hin zum Alten Gerauer Weg direkt an den Gleisen. „Bischofsheim ist eine alte Eisenbahnergemeinde“, erklärt Knoch und hält vorm alten Lokschuppen. Die Sandsteinruine von 1904 ist mit Bauzaun abgesperrt. Die noch intakte Fassade hat trotz ihres baufälligen Zustands nicht ihren Charme verloren, aber ihre Bedeutung. Denn bis 1970 zählte der Rundlokschuppen zu den bedeutendsten Güterdrehscheiben Deutschlands. „Hier hätte man was draus machen können“, beklagt Knoch. Bevor das Gebäude verkauft worden war, hätten sich die Hanauer Eisenbahnfreunde für die Ruine interessiert. „Sie wollten ein Eisenbahnmuseum einrichten.“ Der Schuppen wurde jedoch an einen anderen Investor verkauft, der ihn bisher weder abriss noch sanierte. „Mein Opa war bei der Eisenbahn“, fügt Knoch hinzu. „Nicht als Lokführer, sondern als Lackierer“. Die Liebe zur Technik scheint in der Familie zu liegen. Der Bischofsheimer mag den industriellen Charakter der Gemeinde. Er selbst wohnt gar nicht weit weg vom Bahnhof. Das Geratter auf den Gleisen höre er schon gar nicht mehr. Züge gehörten nun einmal seit Mitte des 19. Jahrhunderts zu Bischofsheim.

Letzte Station ist das Verwaltungsgebäude „Palazzo Prozzo“, wie es die Bürger scherzhaft nennen. Eine Brücke verbindet die beiden Gebäudeteile. Selbst der Palazzo ist in die Jahre gekommen. Knoch zeigt auf den bröckelnden Putz an den Säulen und entlang der Fassade. „Da dringt langsam die Feuchtigkeit ein, das müsste versiegelt werden“, sagt er. Der Palazzo sei nur ein Beispiel für den „Wartungsstau“ in der Gemeinde.

Knoch setzt sich wieder in sein Auto, parkt den Wagen vor der Fahrschule. Direkt gegenüber die evangelische Kirche. Ab und zu besuche er den Gottesdienst mit seiner Frau. Doch die fühle sich in der russisch-orthodoxen Kirche wohler. „Die Liturgie ist eine ganz andere.“ Er begleite sie dabei und lausche der russischen Predigt. Ob er die Sprache in der Schule gelernt hat? „Nein, ich habe mir selber Russisch beigebracht“, erklärt er seiner verdutzten Begleiterin. Wie ist so etwas möglich? „Weil ich zuhören kann“, Knoch lächelt. Diese Fähigkeit wirft der Bürgermeisterkandidat im Wahlkampf in die Waagschale.

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