Geschichten zur Nacht

Ein Kaff mit dem Namen Büttelborn

Der Krimiautor Ralf Schwob weiß, wie er seine Leser neugierig macht. In der Reihe „Geschichten zur Nacht – Literatur zum Genießen“ der Königstädter Bücherfreunde stellte er seinen Krimi „Holbeinsteg“ vor.

Eine junge Frau verschwindet spurlos. Durch eine Arbeitsvermittlung kam die gebürtige Rumänin nach Deutschland. Larissa Winterkorn, eine Mitarbeiterin der Arbeitsvermittlung, macht sich auf die Suche. In einem „Kaff“ mit dem Namen Büttelborn soll die Vermisste zu finden sein.

Schwobs Krimigeschehen wechseln zwischen Orten in Frankfurt und dem Kreis Groß-Gerau. Detailgenau umschreibt er das Umfeld, in dem seine Charaktere agieren. Den blauen Kasten mit dem Wick-Logo, den Helvetiapark mit dem kleinen Café und einem Burger-Imbiss umschreibt er detailreich, so dass sich der Leser, der die Orte vielleicht selbst nicht kennt, ein genaues Bild machen kann.

Ebenso detailreich beschreibt er seine Charaktere und verwendet beim Vortragen seines Textes auch mal breiten hessischen Dialekt, den er einem „verfetteten Sicherheitsdienstmann“ auf den Leib geschrieben hat. Unsympathisch wirkt der, als er nach der verschwundenen Frau befragt wird. Und er lügt, wie ein wenig später klar wird, als er behauptet, er kenne die Frau nicht, die er auf einem Foto gezeigt bekommt.

Irgendetwas stimmt ganz und gar nicht, was schon durch die atmosphärische Beschreibung seines Umfeldes verdeutlicht wird. Noch ist nicht klar, welche Rolle er bei dem Fall der verschwundenen Frau spielt. Doch in den Augen der Ermittlerin, zu der Larissa Winterkorn eher unfreiwillig wurde, ist der Typ ekelhaft. Kurze Ausschnitte, vorgelesen mit fast stoischer Stimme, bleiben nicht ohne Wirkung.

Bei einem Arbeitsbesuch in Rumänien trifft Larissa mehr durch Zufall wieder die alte Frau, die sie darum bat, ihre Tochter zu finden. Und wieder gelingt es Schwob, mit kleinen Umschreibungen eine bedrückende Atmosphäre zu schaffen. Mit den Worten „es roch süßlich nach verbrauchter Luft“, umschreibt er die kleine Wohnung der Frau. An den Wänden ihres Zimmers hängen Fotografien, die der Autor als „langsam verblassende Erinnerungen an Menschen des vergangenen Jahrhunderts“ beschreibt. Doch bei den Fotos findet Larissa erste Anhaltspunkte, die sie nachdenklich machen. Denn erneut entdeckt sie den ekelhaften Sicherheitsdienstmann, der jede Menge Dreck am Stecken hat.

Im zweiten Teil seiner Lesung öffnet Schwob einen völlig anderen Handlungsstrang. Er schildert die Lebenssituation eines frühpensionierten Lehrers und seines Nachbarn mit gewalttätiger Vergangenheit. Akribisch umschreibt Schwob den Weg des Lehrers nach Hause. So detailreich, dass der Leser diesen Weg nachgehen könnte. Der Autor charakterisiert Menschen, wie sie einem täglich begegnen können. Sie haben jedoch eine dunkle Vergangenheit, die erst beim nochmaligen Betrachten sichtbar wird.

Geradezu detailversessen sind die Beschreibungen von Gesehenem, das womöglich leicht zu übersehen ist, jedoch dazu beiträgt, einen tiefen Einblick in die Düsternis eines auf den ersten Blick „normalen“ Alltags zu geben. So etwa die Beschreibung eines Maskierten, der den ehemaligen Studienrat attackiert: „Speckwülste unter eng anliegendem Pullover.“

Wie genau die Handlungsstränge einer vermissten Frau und zwei Männern aus Frankfurt letztlich zusammengehören, wird jedoch bei der Lesung nicht deutlich.

Doch die ausgewählten Passagen machen neugierig darauf, den 350 Seiten starken Krimi zu lesen, der im Societäts-Verlag erschienen ist. So jedenfalls erging es vielen der rund 20 Zuhörer, die am Mittwochabend zur Lesung in die Königstädter Bücherei gekommen waren.

Was es jedoch mit dem Titel des Krimis „Holbeinsteg“ auf sich hat, kommt bei den vorgelesenen Textpassagen nicht heraus. Danach befragt, erklärte Schwob, bei 350 Seiten sei es schwer, ein schlüssiges Konzept für eine Lesung zu finden.

Neugierig machen

, aber nicht zu viel verraten, lautet die Prämisse. Und das ist dem Groß-Gerauer, dessen Karriere mit der Veröffentlichung seiner ersten preisgekrönten Kurzgeschichte im Jahr 1997 begann, allemal gelungen.

Er verriet jedoch, dass er bereits an einem weiteren Krimi schreibt, der voraussichtlich Mitte des kommenden Jahres veröffentlicht wird. Auch darin werde es wieder jede Menge Lokalkolorit geben, versprach der Autor.

Die nächste Lesung der Reihe Geschichten zur Nacht – Literatur zum Genießen beginnt am 28. November um 19.30 Uhr statt. Dann wird Claus Langkammer aus seinem Roman „Der Reisende“ vorlesen.

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