Fusion

Keine Mehrheit für Kulturverband

Das war ein wahrer „Schlag ins Kontor“: Der historisch beispielhafte Schritt für gelebte Integration durch den Verschmelzungsvertrag des Stadtverbands Kultureller Vereine (SKV) mit dem Verband Interkultureller Vereine (ViV) scheiterte wider Erwarten.

„Die nötige Dreiviertelmehrheit für den Verschmelzungsvertrag von SKV und ViV wurde um zwei Stimmen verfehlt“, erklärte Sabine Schaplowski vom SKV niedergeschlagen. Die Mitgliederversammlung hatte am frühen Sonntagabend die seit Jahren vorbereitete Fusion mit knappem Ergebnis abgelehnt, der Verband der interkulturellen Vereine (ViV) die Versammlung nach aufflammender Debatte wegen angeblich ungleichen Informationsstandes abgebrochen.

Sabine Schaplowski und Biljana Nicin vom ViV verhehlten beim Pressetermin ihre Enttäuschung nicht. 63 Vereine (52 gehören dem SKV an, 11 dem VIV) sind in das Vorhaben der Fusion unter dem Dach des „Kulturverbands Rüsselsheim“ eingebunden. Doch das Unerwartete trat ein: 50 Minuten vor Ablauf der Widerspruchsfrist traf nachts um 23.10 Uhr der Antrag auf Änderung der Satzung bezüglich der Vorstandwahlen ein, legte Schaplowski dar. „Das war ein Schlag ins Kontor“, sagte sie.

Federführend kam der Einspruch vom Liederkranz Haßloch, vier weitere Gesangvereine seien gefolgt. Es hieß, man wolle bei Vorstandswahlen eines gemeinsamen Kulturverbands stärker mitreden, wolle Vorsitzenden, Kassierer, Schriftführer und so weiter einzeln wählen können. Eine Blockwahl des Vorstands lehne man ab.

Neuland betreten

Damit hängt sich der Widerspruch an einer Formalie auf. An dieser sei aber letztlich nicht zu rütteln, so Herbert Schmidt vom SKV. „Wir betreten mit dem Zusammenschluss Neuland, und es ist die Frage, ob es Sinn macht, die Debatte um die Satzung neu zu eröffnen. Notarielle Fachberatung bestätigt, dass gemäß des Umwandlungsgesetzes (UmwG), das bisher nur auf die Fusion von Unternehmen angewandt wurde, eine Blockwahl gesetzlich festgelegt ist“, skizzierte er den Sachverhalt. Konsterniert setzte er hinzu: „Die Gesangvereine stemmen sich gegen den Vertrag, der sechs Wochen beim Notar zur Einsicht auslag. Das war bewusst und war Absicht, das so zu machen. Zu meinen, dass jemand nicht wüsste, was er tut, kann ich nicht glauben.“

Schaplowski: „Es hätte ein tolles Integrationsprojekt sein können. Vielleicht sind wir der Zeit voraus, müssen einsehen, dass Integration nicht möglich ist.“ Indes hatten im Vorfeld alle Vereine der Verschmelzung zugestimmt. 2016 wurden die Vorstände beauftragt, die Gründung des neuen Verbandes vorzubereiten. Ob „das Ding den Bach runter ist“, wie Herbert Schmidt düster formulierte, oder ob man mit der Verschmelzung nur „Monate zurückgeworfen“ sei, sich die Mitgliedsvereine also neu zusammensetzen, bleibe abzuwarten.

Einzigartiger Vorgang

Im Raum herrschte bedrücktes Schweigen. Immerhin: Dass in einer Stadt, in der weit über hundert Kulturen leben und ViV sowie SKV längst eng vernetzt arbeiten, eine Unterscheidung zwischen „kulturell“ und „interkulturell“ weiterbestehen soll, mutet nahezu skurril an. Zu bedenken ist, dass auch der Schul-, Sport- und Kulturausschuss grünes Licht gegeben und die Stadtverordnetenversammlung der Fusion zugestimmt hatte.

Bürgermeister und Kulturdezernent Dennis Grieser (Grüne) versuchte, sachlich klarzustellen: „Es hat sich ja niemand offen gegen die Verschmelzung ausgesprochen. Sie wäre ein einzigartiger Vorgang mit Vorbildcharakter. Von städtischer Seite wurde alles getan, den Weg zu ebnen, die Fördermittel anzupassen.“ Schaplowski sagte: „Wir gehen jetzt erst mal in Klausur. Dann sehen wir weiter.“

von CHARLOTTE MARTIN

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