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Der Künstler und sein Werk: Billy Childish pflegt in seinem Schaffen die Distanzlosigkeit und bringt seine Zuhörer bei der Vernissage in den Opelvillen zum Schmunzeln.

Schlüsselwerke von Billy Childish

Der kindische Meister

Mit Hut saß er in Reihe eins: Billy Childish, Punk-Musiker, Maler und Dichter, stand am Sonntag im Fokus des Interesses. Er war eigens zur Eröffnung der Schau mit Werken seiner künstlerischen Ausdrucksformen in den Opelvillen angereist.

Von CHARLOTTE MARTIN

„I can tell you, what I’m doing. I can’t say, how I do it.“ – „Ich kann Ihnen sagen, was ich tue. Ich kann Ihnen nicht sagen, wie ich es tue“, so Childish, der sich bei der Vernissage der neuen Bilderschau in den Opelvillen als ein Künstler präsentierte, dessen Leben von intuitiver „Dominanz des Ausdrucks“ geprägt ist. Vor dem Hintergrund des großformatigen Gemäldes „lighterman“, – zu Deutsch Kahnführer –, sprach Billy Childish zur Vernissage vom künstlerischen Prozess, dem er in einem Maße hingegeben sei, dass er sich selbst nicht als Autor empfinde. „Was entsteht, ist der Situation geschuldet. Wenn ich später vor einem Bild stehe, blicke ich unabhängig darauf: Ah ja, das ist gut. Oder nicht. Ich male schnell, überarbeite nicht, verwende keine Zeit darauf wie andere Künstler. Und ich denke nie an Publikum“, so Billy Childish.

Seine englischsprachigen Ausführungen brachte er ohne Script vor, stand authentisch Rede und Antwort – teils humorig: „Wie ich weiß, wann ein Bild fertig ist? Nun, wenn es Zeit für Vier-Uhr-Tee ist.“

Zwanzig großformatige Werke Childishs, teils Kohlezeichnung, teils Ölbilder, sind bis Ende Juni in den Opelvillen zu sehen, daneben eine Unmenge Plattencover, die sein musikalisches Werk seit den siebziger Jahren beleuchten, außerdem Gedichte in einer Auswahl aus 40 Bänden – ein Roman liegt in deutscher Übersetzung vor („Junger Mann ohne Kleider“).

Die Schau, die die erste Einzelausstellung des Künstlers in Deutschland ist, stellte Kuratorin Beate Kemfert nach Begrüßung durch Kulturdezernent Dennis Grieser (Grüne) als Präsentation der Schlüsselwerke vor, die Billy Childishs Kunst als Spiel mit Identitäten sowie als Ausdruck entlang seiner Biografie beleuchten. Ein selbstbewusster Außenseiter im Kunstgeschäft, widersetzt sich Billy Childish sowohl Bildungsautorität wie auch Anforderungen der Moderne, die sich lang schon experimentierfreudig vom Figurativen entfernt.

1959 in Kent, England, geboren, hat Childish bis heute seinen Lebensmittelpunkt nahe London. Eine Ausbildung auf Kunsthochschulen brach er ab, riskierte Ausschluss durch Eigenwilligkeit: Es lässt sich sagen, dass Childish sein eigenes Imperium der Meister um sich geschaffen hat – van Gogh und Edward Munch gehören dazu, in der Literatur sind es Hans Fallada und Robert Walser. Ein Imperium, das ihn inspiriert und seinen Stil prägt.

Blumen, Darstellung seiner Selbst mit Tochter, Bildnis der Mutter, ein Akt seiner Ehefrau – all dies bezeugt Können mit eigener Handschrift und verhehlt doch nicht, aus welcher Vorgängerschaft er schöpft. Der Vorwurf von Zeitgenossen, er und seine Kunst seien „steckengeblieben“, statt sich den konzeptionell arbeitenden „Young British Artists“ anzuschließen, führte 1999 dazu, dass Childish mit anderen die Gegenbewegung der „Stuckisten“ gründete. Dass Billy Childish nicht so heißt, wie er sich nennt, überrascht nicht.

Zum Spiel mit Identitäten gehört der Künstlername, der Programm ist: „childish“ – kindisch oder kindlich zu bleiben, erlaubt ihm eine Unbesorgtheit des Schaffens, die enorm produktiv ist. Manchmal braucht er nicht mehr als eine Stunde, um einen großen Wurf auf die Leinwand zu bannen.

Distanzlos in das, was er sieht, einzutauchen, zeitigt auch fesselnde Lyrik: „I paint the mountains, which of course are myself. Because what is not myself?“ – Kurz: Er malt Berge, malt den Fluss seiner Heimatstadt, er malt Wälder. All dies ist stets Ausdruck seiner Selbst. Seines Blicks auf die Welt, seines Seins.

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