Ausstellung

Kriminell und süchtig: Michael Sperlich hat künstlerisch verarbeitet, was er selbst erlebte

Im Café Wunderbar des Caritaszentrums St. Georg sind bis zum 31. Oktober expressive, bewegende Gemälde, Fotos und Skulpturen von Michael Sperlich zu sehen. Künstlerisch verarbeitet er seit Jahren seinen Lebensweg, der qualvolle Brüche aufweist.

„Als ich aufwachte, war ich alt“, sagt Michael Sperlich. Vor sieben Jahren war das, er sei damals 49 Jahre gewesen, erzählt er. „Aufwachen“ – das beinhaltet vor allem den exzessiven Beginn der künstlerischen Aufarbeitung seines Lebens, das von radikalen Brüchen, von sozialem Absturz und psychischer Haltlosigkeit geprägt war.

Jetzt zeigt Michael Sperlich seine expressiven Gemälde, Schwarzweißfotografien und groteske, anrührende Skulpturen im „Café Wunderbar“ des Caritaszentrums St. Georg. Der Raum, den Sperlich als sein „zweites Zuhause“ bezeichnet, scheint fast zu klein, die Fülle zu fassen, die auf den Betrachter wirkt wie ein einziger Schrei: Einsamkeit, Verzweiflung, fratzenhaftes Leben, Todesnähe und namenloses Entsetzen sind Themen der Werke, in denen Michael Sperlich bearbeitet, was er selbst erlebte und was schließlich auch Teil des hoffnungslosen Daseins all jener ist, die durch die Maschen sozialer Hilfsnetzwerke fallen.

Er sei ein „Knacki“ gewesen, ein Gefängnisbewohner, ein Süchtiger, ein Krimineller, erzählt Sperlich. „Ich habe von klein auf vor allem gelernt: Der Stärkere überlebt“, sagt er. Und doch war es seine Fähigkeit, das Leben trotz allem durch einen Distanz schaffenden Humor als absurdes Theater zu begreifen, was ihm zu überleben half. Die Sentenz des Katholiken Sigismund von Radecki, dass Lachen eine Form von Religiosität sei, scheint hier im Caritas-Zentrum Pate zu stehen: Michael Sperlich nennt seine beeindruckende Kunstausstellung „Zirkus Sperlich“.

Knallbunt, mit ungezähmten Pinselstrichen, durchsetzt von Worten, die Gedanken und Erinnerungen bannen, sowie unabhängig von gängigen Genres, verwandelt der Maler, Fotograf und Skulpturenbauer die Schrecken in Kunst. Er malt seinen verstorbenen Halbbruder mit entsetzten Augen auf eine riesige Leinwand, als wolle der ausrufen: „Seht ihr mich? Wozu das alles, dieses lausige Leben?“

Sperlich eröffnet den Ausstellungsbesuchern mit Fixierungsfesseln am Holzstuhl das Nacherleben des eigenen wütenden Schmerzes: „Als Heimkind wurde ich, wenn ich aggressiv war, fixiert. Und ich war fast immer aggressiv“, sagt er.

Eine clowneske Figur trägt die Sauerstoffmaske, unter der er um sein Leben rang: „Ich hatte vor sechs Jahren einen Schlaganfall. Der Arzt schenkte mir die Maske.“ Die Skulptur eines brutal zerrissenen Leibes gibt Einblick in medizinische Verkabelung: „Mich hatte jemand aus dem Milieu niedergestochen. Eigentlich müsste ich längst tot sein und mein Schutzengel fußlahm“, so Sperlich lachend.

Dass der Mann, dessen Kunst einer faszinierenden Unbedingtheit gehorcht, die aus jedem Pinselstrich spricht, heute wieder heiter lacht, scheint das eigentliche Wunder hinter dem „Zirkus Sperlich“ zu sein. „Irgendwann traf ich im Knast einen Kumpel, der mir Bücher lieh. Richtig gute Sachen. Vorher hatte ich eigentlich keine Sprache – nur den Jargon. Damals fing ich an nachzudenken. Und auch schon zu malen.“

Mehrfacher, harter Drogenentzug, radikale Abkehr vom kriminellen Milieu – all dies folgte, nachdem Michael Sperlich „aufgewacht“ war. „Mit 49 erkannte ich, dass ich das Leben liebe. Ich gehöre nicht zur Gesellschaft, bleibe ein Grenzgänger. Trotzdem: Mich gibt’s. Hat es Sinn? Ich weiß nicht.“

Er habe seine Wohnung zum Atelier umgemodelt. Und male und baue Skulpturen. „Ich schaffe wie wild. Die Leute im Caritas-Café Wunderbar mögen mich und fragen mich sogar um Rat. Udo Höppner, mein Genesungsbegleiter, ist klasse. Er hat die Ausstellung hier ermöglicht. Und die alten Leute im Niemöller-Haus, in dem ich ehrenamtlich bin, freuen sich, wenn der Sperlich kommt. Ist das nicht ein Wunder?“

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