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Martin Dörr gibt dem Opelvillen-Labor im Souterrain neue Bedeutungen.

Gastatelier

Martin Dörr gibt dem Labor der Opelvillen eine ganz besondere Bedeutung

Martin Dörr von der Hochschule für Gestaltung (HfG) Offenbach hat als ein junger Künstler unter vielen Bewerbern den Zuschlag erhalten, das Labor der Opelvillen bis 14. April zu nutzen: Wie inspirierend er den Kellerraum erlebt, hat das Echo erfahren.

Der Begriff passt genau, sagt Martin Dörr: Das „Labor“ unter den Opelvillen, ein Ort für künstlerische Forschung und Erforschung, inspiriert ihn auf Anhieb.

Karg, kühl und weiß, marode, gekachelt, vergittert und kastenförmig gestreckt, reizt der Raum den jungen Künstler unmittelbar zum Modellieren. „Räume sind nicht per se, was sie sind. Sie werden modelliert“, sagt er. Und: „Ich betrachte Dinge nie als abgeschlossen. Es geht um Zustände von Räumen, Zustände von Material und um Atmosphäre. Als Künstler entwickle ich den Blick, die Dinge verknüpft zu sehen.“ Die gegenseitige Beeinflussung werde überall deutlich, es gelte, Kleinigkeiten und das Große im Blick zu haben. „Ich arbeite letztlich immer mit Momenten. Und schaffe neue Momente.“

Spuren hinterlassen

Mit unserem Gespräch sind damit auch wir sogleich Teil eines neuen Moments in Zeit und Raum, hinterlassen, sobald wir gehen, unsere „transparente Spur“. Martin Dörr hat „Besprechungsatmosphäre“ kreiert und zwei Tische in L-Form mittig positioniert, den Beamer vorbereitet, um digital Einblick in seine Arbeit zu geben.

Das büroähnliche Ambiente lädt das Labor mit ungewohntem Inhalt auf, konterkariert das, was ein Atelier erwarten lässt: Farbe, Leinwand, Pinsel, Kleckse, kreative Buntheit. Martin Dörr lacht. Dass der Künstler separiert ein „Werk“ schafft, ist nicht sein Verständnis von Kunst. Im Raum etwas mit dem Raum zu machen, ihn zu ergründen, ihn digital zu erweitern, „an den Fundamenten des eindimensionalen Blicks“ zu rütteln, sei das, was ihn interessiere, so Dörr.

„Ich studiere Kunst, weil ich darin alle Interessen verknüpfen kann. Die Verbindung der Disziplinen ist das Spannende“, sagt Martin Dörr. Physikalische Phänomene, Analoges und Digitales sowie das Architektonische würden assoziiert gedacht und zeitigten an jeweiligen Standorten spezifische, neue Kontexte und damit alternative Erzählweisen.

Kühle Mauern

Wir gehen durch den Kellerraum, tasten kühle Mauern ab, puhlen bröckelnden Putz ab, steigen Stufen rauf und betrachten die Fensternischen, die wie winzige Kabinen wirken. „Der Kellerraum als unterirdischer Erdraum hat was Höhlenartiges, hat immer eine andere Funktion als der Rest des Gebäudes“, sinniert Dörr. Schutzraum, Küchenraum, Waschküche sind Assoziationen. „Immer auch etwas Rätselhaftes“, setzt Dörr hinzu, steht still, als horche er den Raum aus. „Kellerprozesse“ nennt er das, was unterirdisch geschieht.

Mit dem Beamer veranschaulicht Dörr seine Kunst durch eine Kooperationsarbeit mit Wagehe Raufi im Rahmen ihrer Bauhaus-Residenz (Dessau) 2017. Die unterirdischen Keller der Meisterräume wurden in ihrer Form, in Material und mit Spuren organischen Lebens in rotes Wärmelicht getaucht, um ihrer Formauflösung und Formwerdung nachzuspüren.

Martin Dörr zeigt zudem sein Kunstprojekt zum Thema „Transparente Spuren“: Fensterglas wird der Durchsichtigkeit beraubt. Scheiben sind mit industriell gehärtetem Fett bestrichen, um die Spur, die Menschen darauf hinterlassen, erlebbar zu machen. Jede schattenhafte Bewegung dahinter wirkt beunruhigend.

von CHARLOTTE MARTIN

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