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Im gesamten Stadtgebiet sollen Ladepunkte für Elektro-Autos entstehen. Diese Karte zeigt, wo sie vorgesehen sind. Grafik: Stadt Rüsselsheim

Einmaliges Ladenetz

Hunderte Elektro-Auto-Stationen bis 2020 geplant

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Die Autostadt Rüsselsheim rüstet sich für die Zukunft: In den nächsten zwei Jahren soll ein flächendeckendes Ladenetz für Elektro-Fahrzeuge entstehen, das in Europa seinesgleichen sucht. Jetzt wurden Details bekanntgegeben.

Das Auto der Zukunft fährt mit Strom. Lange ist das hierzulande verdrängt worden. Die Zahl der Modelle mit reinem Elektro-Antrieb auf dem deutschen Markt ist trotz Abgas-Alarm und drohender Diesel-Fahrverbote noch überschaubar. Opel will das bald ändern. Bis 2024 will das Unternehmen jedes seiner Modelle in einer Elektro-Variante anbieten.

OB Udo Bausch, Opel-Chef Michael Lohscheller und Hochschul-Vizepräsident Prof. Bodo A. Igler (v.l.) posieren nach der Bekanntgabe des Electric-City-Plans am Rathaus mit dem Elektro-Auto Ampera-e.

Sollen sich dafür viele Käufer finden, muss es ausreichend Möglichkeiten zum Aufladen der Batterien geben. Dafür schafft die Opel-Heimatstadt Rüsselsheim jetzt gemeinsam mit der dort ansässigen Hochschule Rhein-Main und dem Autobauer die Voraussetzungen. Mit dem Programm Electric City sollen bis Ende September 2020 etwa 650 Ladestationen im Stadtgebiet errichtet werden, wie die Verantwortlichen am Dienstag im Rathaus bekanntgaben. „Schön, dass wir Teil dieses wichtigen Projekts sein können“, freute sich Opel-Chef Michael Lohscheller.

Ministerium bremst Oberbürgermeister Udo Bausch (parteilos) hatte in der vergangenen Woche noch von der doppelten Anzahl an Ladestationen gesprochen. Ein Missverständnis: Denn jede Station verfügt über zwei Ladepunkte. Zu Beginn der Planungen sind Bausch zufolge auch deutlich mehr Stationen im Gespräch gewesen. Das Bundeswirtschaftsministerium, das das Projekt mit 12,8 Millionen Euro fördert, habe diesbezüglich aus Kostengründen gebremst.

So oder so ist das Vorhaben jedoch einzigartig. Ein annähernd vergleichbares Ladenetz gibt es europaweit momentan nur in der Millionen-Metropole Hamburg. Und selbst das ist mit 785 öffentlichen Ladepunkten nicht so flächendeckend wie das, was in Rüsselsheim entstehen soll. „Der Umstieg auf Elektromobilität eröffnet für Rüsselsheim große Möglichkeiten. Dank einer einzigartigen Partnerschaft kann die Stadt künftig eine Vorreiterrolle bei der Ladeinfrastruktur für Elektrofahrzeuge und für die Elektromobilität in Deutschland übernehmen. Das stärkt die Stadt als Wirtschaftsstandort und in ihrer Innovationskraft“, betonte Oberbürgermeister Bausch.

Maximal 22 Kilowatt

Vorgesehen sind 900 öffentliche und 400 private, größtenteils niederenergetische Stationen mit maximal 22 Kilowatt Ladeleistung. Bis der Akku eines Elektro-Autos voll ist, wird es somit einige Stunden dauern. Allein Opel stellt den Plänen nach um das Werksgelände Parkplätze mit 600 Ladepunkten zur Verfügung. Dazu kommen 350 für die eigenen Mitarbeiter. Weitere Stationen wird es geben in den Wohnanlagen der städtischen Wohnungsbaugesellschaft und auf Parkplätzen ausgewählter Supermärkte und Einkaufszentren. Je etwa zwei Dutzend Ladepunkte sollen am GPR-Klinikum und der Hochschule Rhein-Main entstehen. Letztere will zudem eigens Photovoltaikanlagen installieren, die sie mit Strom speisen. „Nur mit grünem Strom betriebene Elektro-Autos sind ökologisch sinnvoll“, betonte Prof. Birgit Scheppat von der Hochschule.

Untersuchen werden sie und ihre Kollegen unter anderem die Versorgungssicherheit und die Integration in das bestehende Stromnetz. Aus den gewonnenen Daten können sie etwa Erkenntnisse über künftige Anforderungen an das Stromnetz ableiten.

Aktuell würde dies überlastet, wenn alle geplanten Ladepunkte gleichzeitig in Nutzung wären. Geprüft wird deshalb, ein drittes Umspannwerk in Rüsselsheim zu errichten, was jedoch zehn bis 15 Jahre dauern könnte. So arbeiten die Forscher derzeit an einem intelligenten Steuerungssystem, das bei drohender Überlastung die Ladeleistung der Stationen reduziert oder ganz ausschaltet. „Die intelligente Steuerung verhindert höhere Investitionen“, erläuterte Reinhard Ebert, bei der Rüsselsheimer Stadtverwaltung Bereichsleiter Natur- und Umweltschutz.

Noch ungeklärt ist, welches Unternehmen die Ladestationen bewirtschaften soll und wie die Autofahrer den Strom bezahlen sollen. Ebert zufolge könnten die Stationen zunächst unter zwei bis drei Firmen aufgeteilt werden, ehe eine Entscheidung zugunsten einer von ihnen fällt.

Kommentar von Sven Westbrock


Was war zuerst, das Huhn oder das Ei? Sind viele Ladestationen für Elektro-Autos nötig, um den Kauf für die Kundschaft attraktiv zu machen, oder muss es erst viele Nutzer dieser Fahrzeuge geben, damit sich ein solches Netz lohnt? Beantworten lassen sich beide Fragen nicht. Sie zeigen jedoch das Dilemma, indem sich die Kooperationspartner der Electric City befinden. Fördergelder von fast 13 Millionen Euro dürften die Entscheidung für das Projekt erleichtert haben. Im Falle der Stadt, die sieben Millionen Euro vom Kuchen des Wirtschaftsministeriums bekommt, liegt die Förderung sogar bei hundert Prozent. Damit keine Folgekosten entstehen, sind die Verantwortlichen im Rathaus allerdings auf eine Firma angewiesen, die das Ladenetz betreibt. Und darauf, dass die Infrastruktur auch genutzt wird. Damit wurde ein nicht zu unterschätzendes Risiko eingegangen. Hoffentlich rächt es sich nicht.

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